Substanzielles aus der Sicht eines Piraten

Zitate mit Substanz – heute: ein Ausgesteuerter

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Eine Wortmeldung an einem Podium der SP Stadt Zürich zum bedingungslosen Grundeinkommen:

Ich habe mir Gedanken gemacht, denn ich bin ein ausgesteuerter Arbeitsloser, bin durch alle diese Programme geschleust worden und musste sehr aufpassen, dass ich nicht geschädigt da rauskam. Schon immer war es so: Wir brauchen Luft, wir brauchen Sonne, wir brauchen Regen, und es regnet auf alle genau gleich. Nun haben wir eine Gesellschaft gemacht, wo das Geld ebenso wichtig ist. Um menschenwürdig zu Leben, braucht man Geld. Und deshalb muss es ein Minimum an Geld auf alle regnen. Da braucht es das Giesskannenprinzip. Und von da aus kann man dann meines Erachtens eine ganz normale Marktwirtschaft aufbauen. Es sollte keiner erpresst werden etwas zu tun, was er nicht will. Gegenwärtig ist es bei mir so: Ich kriege Sozialhilfe. Und wenn ich regelmässig einen Hund ausführe oder jemandem den Abwasch besorge, muss ich beweisen, dass das meiner Seele gut tut und ich es nicht wegen des Portmonees mache, sonst bin ich ein Sozialschmarotzer. Das ist komplett für die Füchse. Man muss etwas ändern. Eine Gesellschaft, die einen Paradigmenwechsel nicht macht, wenn er fällig ist, die wird untergehen.»

Am 19. März findet im Kongresshaus Zürich der Kongress Grundeinkommen statt.

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Zitate mit Substanz – heute: ein Ausgesteuerter von David Herzog, sofern nicht ausdrücklich anders festgestellt, ist lizenziert unter einer Creative Commons Attribution 4.0 International Lizenz.

Autor: David Herzog

Pirat, Humanist, Träumer, Designer, Menschenfreund. Auch hier zu Hause.

16 Kommentare

  1. Ich kanns ja dann so machen: Wenn ich nicht mehr schreibe, weil alle meine Bücher sowieso nur noch als Gratisfutter wollen, beziehe ich mein Grundeinkommen, klinke mich aus der Gesellschaft aus und verkriech mich in die Ruhe der Berge. Ohne Verpflichtung, ohne etwas zum Gemeinleben beizutragen, ganz egoistisch, im Einklang mit mir selber und gucke zu, was passiert.

    Etwas weniger sarkastisch möchte ich gerne die Frage nach dem Wieviel aufwerfen. Denn mit 2000 – 2500 Franken können gesellschaftlich wirklich benachteiligte Menschen (zum Beispiel Kranke) nicht leben – wir kämen also bald einmal an den Punkt der Forderungen nach Zusatzleistungen oder zur Forderung nach einem höheren, lebenskostendeckenden Grundeinkommen. Ich habe mich jetzt eine Weile mit der Finanzierung auseinandergesetzt und sehe einfach nicht, wie das gehen sollte.

  2. @Alice: Gibt es im heutigen System denn einen Anreiz, etwas zum Gemeinleben beizutragen? Unser Wohlstand hängt schon heute von der unbezahlten Arbeit ab, nicht von den bestbezahlten Investmentbankern. Schon heute hat derjenige den grössten finanziellen Nutzen, der keinen Gedanken an die Gesellschaft verschwendet. Das Grundeinkommen selbst ändert daran nichts. Aber es ermöglicht Veränderungen durch die Menschen. Vielleicht hast du nach einem Jahr in den Bergen doch wieder das Bedürfnis, etwas Sinnvolles für die Gesellschaft beizutragen? Bist du wirklich im Einklang mit dir selber, wenn du dich für den Rest deines Lebens ausklinkst? Wenn ja, dann mag ich es dir gönnen. Ich glaube aber nicht, dass es viele Menschen sind, die davon glücklich werden.

    Menschen, die schon heute mehr als 2000 bis 2500 Franken Unterstützung erhalten, müssten auch mit BGE bedarfsgerecht entsprechende Zusatzleistungen erhalten, ja. Krankenkassen und Invalidenversicherung würden nicht abgeschafft. Die IV würde bloss um die Höhe des BGE gekürzt.

    “Ich habe mich jetzt eine Weile mit der Finanzierung auseinandergesetzt und sehe einfach nicht, wie das gehen sollte.”
    Was genau siehst du nicht? Es ist eine reine Umverteilung. Es verschwindet kein Geld, sondern es wird über Steuern eingezogen und wieder verteilt. Für den Staat ist das ein Nullsummenspiel. Für diejenigen, die heute mit weniger als dem Grundeinkommen leben, ist es ein Gewinn, auf Kosten von den Meistverdienenden. Das macht einige Milliarden zusätzliche Umverteilung aus. Gemäss Bundeamt für Statistik betrugen die gesamten Sozialausgaben im Jahr 2007 142 Mia (inkl. IV, aber ohne Subventionen verschiedener Art, die mit dem Grundeinkommen auch nicht mehr nötig wären). Sie haben sich innert etwa 15 Jahren verdoppelt, und dieser Trend geht weiter. Das Grundeinkommen einzuführen ist aus finanzieller Sicht nur noch ein kleiner Schritt.

  3. Ich frag mich was ist mit den 25 % Ausländern – die teilweise – schon jahrzehnte hier Steuer zahlen, soll für die das Grundeinkommen auch gelten.
    Und wie ist das mit den klassischen Ehen – werden die die Einkommen wieder anders angerechnet..?

    Und wie wirkt sich das ganz auf den Niedriglohnsektor aus? – Wenn die Ausländern kein Grundeinkommen beziehen können , welchen Druck übt das auf die Niedriglohnbereiche aus, die dann wirklcih für Schweizer völlig uninteressant werden ?

    Kriegt man dann nicht endgültig eine gesellschaftliche Spaltung – hier die Schweizer, dort die Ausländer die den ganzen Dreck wegräumen?

  4. @Alice
    Naja, es gibt auch ne Menge Menschen am oberen Ende der Gehaltsskala, die jetzt auch nicht unbedingt wirklich was für die Gesellschaft tun. Ausser Steuern zahlen – falls sie es denn wirklich tun und sich nicht diverser Schlupflöcher bedienen…

    Vor allem das Zitat oben sollte eben schon sehr zu denken geben: «Ich kriege Sozialhilfe. Und wenn ich regelmässig einen Hund ausführe oder jemandem den Abwasch besorge, muss ich beweisen, dass das meiner Seele gut tut und ich es nicht wegen des Portmonees mache, sonst bin ich ein Sozialschmarotzer.»

    Das ist die Realität, bei den IV-Bezügern ist es genau das selbe. Da gibt es superviele Leute, die trauen sich nicht mal mehr solche kleinen Hilfeleistungen zu machen, weil dann gleich wieder irgend ein missgünstiger Nachbar bei der örtlichen IV-Stelle anruft und sagt, der XY, der hat da aber heute 5 Minuten den Vorplatz gewischt, der kann doch auch arbeiten, das ist ein Simulant! Das ist doch kompletter Irrsinn. Mit Grundeinkommen würden diejenigen geschätzt, die TROTZDEM im kleinen was tun, obwohl sie der Arbeitsmarkt nicht will, heute ist es so, dass diejenigen, die trotzdem was tun, sich verdächtig machen…

  5. @Mara: “Ich frag mich was ist mit den 25 % Ausländern – die teilweise – schon jahrzehnte hier Steuer zahlen, soll für die das Grundeinkommen auch gelten.”
    Meiner Meinung nach: Grundsätzlich ja. Man hat da aber Gestaltungsfreiheit, je nachdem wie attraktiv man die Schweiz für Zuzüger machen will.

    “Wenn die Ausländern kein Grundeinkommen beziehen können, welchen Druck übt das auf die Niedriglohnbereiche aus, die dann wirklich für Schweizer völlig uninteressant werden?”
    Also wenn die Ausländer kein Grundeinkommen beziehen können, sind sie auf einen Lohn wie bisher angewiesen. Die Chance, dass es Schweizer mit Grundeinkommen gibt, die sich mit einem etwas tieferen Lohn wie bisher (der ja zum Grundeinkommen hinzukommt) zufrieden geben, ist relativ gross. Ich denke nicht, dass die Niedriglohnbereiche unter diesen Voraussetzungen für Ausländer attraktiver wären als für Schweizer. Im Gegenteil: Personen ohne Grundeinkommen haben einen grossen Nachteil im Arbeitsmarkt.
    Wenn man den Ausländern aber von Anfang an das volle Grundeinkommen ausbezahlt, könnte es sein, dass sie dann praktisch gratis arbeiten, nur um das Grundeinkommen zu erhalten. Das müsste man natürlich verhindern.

    “Und wie ist das mit den klassischen Ehen – werden die die Einkommen wieder anders angerechnet..?”
    Meiner Meinung nach: Auf keinen Fall. Das Grundeinkommen soll für alle Erwachsenen gleich hoch sein.

  6. @David
    Du meinst so wie die Schweizer jetzt schon überproportional in den unattraktiven Jobs wie Krankenschwester, Pfleger und co vertreten sind?

    Unabhängig von der sonstigen Idee, die ich persönlich für sehr überlegenswert halte, glaube ich sehr wohl, dass der Druck auf diese Jobs noch weiter zunehmen werden, einfach weil die Arbeitsbedingungen zu unattraktiv sind – und man sich damit wieder “Billigausländer” importiert.
    Ein solches Konzept kann nur angesichts von durchlässigen Grenzen mit einem vernünftigen Immigrationskonzept zusammen gedacht werden – und welches Sprengpotential das hat, kann man sich gut vorstellen.

  7. @Mara: Wieso denkst du, dass der Druck auf diese Jobs zunehmen wird? Du denkst also, jemand, der 2500 Franken Grundeinkommen erhält, würde keinen Pflegeberuf für zusätzliche 3000 Franken ausüben und sich lieber mit dem Grundeinkommen durchs Leben schlagen? Ich denke nicht. Die Schweizer mit Grundeinkommen werden sogar für weniger als 3000 Franken arbeiten (sie haben dann immer noch deutlich mehr als heute) und so jenen Leuten ohne Grundeinkommen die Arbeit wegnehmen. Meine Bedenken sind eher, dass man mit dem Grundeinkommen ein sehr starkes Mittel hat, um ausländischen Arbeitskräften im tieferen Lohnsektor jegliche Chance auf dem Arbeitsmarkt zu nehmen, wenn man das will. Denn sie hätten einen beträchtlichen Wettbewerbsnachteil von 2500 Franken im Monat.

  8. @David:
    Zum Anreiz: Etwas zum Gemeinleben beitragen zu wollen, basiert auf Freiwilligkeit, einem Wollen, aus einer Überzeugung heraus. Diese Überzeugung hat man oder man hat sie nicht. Ich habe sie – noch. Aber: Wenn es in die Richtung läuft, in die die letzte Diskussion hier gelaufen ist (gewissen Berufssparten aus dem Kulturbereich mit Gratiskopien die Luft zum Atmen zu nehmen), dann sinkt meine Bereitschaft massiv. Wieso soll ich geben, wenn mir genommen oder mindestens verwehrt wird? Ich gebe gerne, aber dort, wo das Gefüge aus der Balance gerät, stosse ich an meine Grenzen. Zur Balance mehr weiter unten bei den neuen Ungleichheiten / Ungerechtigkeiten.

    Zur Finanzierung: Für den Staat mag das auf den ersten Blick ein Nullsummenspiel sein – für die Wirtschaft ist es das nicht. Ich sehe massive Probleme auf uns zukommen. Erstens die von Mara angesprochenen. Zweitens: Man kann gut davon reden, dass die Wirtschaft halt den Angestellten mehr bezahlen muss, wenn sie sie halten wollen. Ein Beispiel: Der Schreinermeister muss plötzlich viel mehr Lohn an seine Angestellten bezahlen. Die Mehrkosten überwälzt er auf die Kunden (anders geht nicht): Ich möchte die Leute sehen, die plötzlich massiv mehr für ihre Güter bezahlen wollen (wo doch heute alle alles billig bis gratis oder mindestens mit tonnenweise Rabatt haben wollen).
    Zum ersten Blick auf das Nullsummenspiel vom Staat: Da lese ich überall, wie viel Geld durch Einsparung der Bürokratie gespart werden kann, und dann schreibst, du dass weder Krankenkassen, noch Invalidenversicherung abgeschafft würden. Wenn ich deinen Gedanken weitertrage, dann werden auch die Sozialämter nicht abgeschafft, denn von 2000 bis 2500 Franken lebt es sich nicht … womit auch Sozialfälle Ergänzungsleistungen brauchen. Wir würden also einfach das ganze Niveau hochschrauben.
    Ich werfe jetzt noch schnell das Wort Wettbewerbsfähigkeit in die Runde: Im Alleingang das Grundeinkommen einzuführen, kann ich mir nicht vorstellen. Arbeitgeber, die händeringend nach Freiwilligen suchen müssen, die dann auch noch ganz klar den Tarif durchgeben (am Freitag komme ich nicht zur Arbeit / ich will 8 Wochen Ferien ect), könnten entweder aufgeben (im Falle von KMUs) oder den Sitz ins Ausland verlegen (grössere Firmen).

    Zu den Ausländern: Für mich war irgendwie klar, dass auch Ausländer, die hier leben, ein Grundeinkommen erhalten sollen. Wenn schon, denn schon. Wenn das nicht der Fall ist, dann frage ich mich, wieso nicht zuletzt in diesem Blog heftigst gegen Ausländerdiskriminierung angeschrieben wird.

    @Mia: Es wird immer solche geben, die zum Gemeinwohl beitragen (auch bei den Gutverdienenden) und solche, die es nicht tun. Egal, ob wir ein Grundeinkommen erhalten oder nicht. Ich kann mir aber vorstellen, dass diese Bereitschaft u.U. nachlässt, wenn wir das Grundeinkommen einführen – warum soll ich spenden, wenn es allen “gut geht”?.

    Zur Wertschätzung: Das Grundeinkommen wird an der negativen Einstellung jener, die schon heute ausrufen, nichts ändern. Wir müssen das Umdenken JETZT anstreben, in der Gesellschaft, in der wir leben. Ich glaube nicht, dass der Neid und das Gegiftel mit dem Grundeinkommen verschwindet, denn es werden mit dem Grundeinkommen neue Ungleichheiten / Ungereichtigkeiten geschaffen:
    Mein Mann und ich bekämen zusammen zwischen 4000 und 5000 Franken. Das würde uns locker zum Leben reichen, weil wir viele Ausgaben teilen (und unsere Kinder erwachsen werden). Einem Alleinstehenden würde es nicht reichen. Familien mit Kindern kämen mit allen Beiträgen zusammen locker auf ein Einkommen, das es für sie total überflüssig machen würde, einer Arbeit nachzugehen. Dazu kommt: Der Mann könnte seine Frau wieder an den Herd schicken, ganz gemäss dem idealisierten Familienbild unserer Schweiz, denn wenn er arbeiten ginge und Frau und Kinder “einfach so” Geld erhielten, gäbe es keinen Grund für die Frau, einer Arbeit nachzugehen (unterschätzt den momentanen Backlash nicht …).

    All diese Dinge finden keinen Eingang auf die Webseite grundeinkommen.ch. Ich bin aber nicht bereit, mich aufgrund ein paar genereller Infos, die alle fragenden Punkte ausschliessen und mich mit einem “Seine Finanzierung ist möglich, wenn man es will.” abspeisen, auf dieses Abenteuer einzulassen. Witzigerweise kann ich dann das Buch kaufen, das mir Finanzierungsmodelle erklärt. Gratisdownloads gibt es nicht – oder habe ich mindestens nicht gefunden (aha, dachte die Autorin, die sich mit dem kostenlosen Verbreiten von geistigem Eigentum abfinden soll).

  9. @David

    In der Wirtschaftslehre nennt man das sinkenden Grenzwert – banal gesprochen, ich bin nur dann bereit jeden blödsinnigen Job anzunehmen, solange ich Geld verdienen muss. Danach wäge ich ab zwischen Freizeit – Konsumwünschen – und Frust in der Arbeit. Insofern ist zu erwarten, dass die Nachfrage nach Blöddeljobs extrem zurückgehen – und damit die Lebenshaltungskosten dann nicht steigen, muss man eben die billigen Ausländer holen, für die auch weiterhin die geringen Löhne/schlechte Arbeitsbedingungen im Verlgeich zum Heimatland akzeptabel sind.

    Und wer weiss wie sich das ganze auf die zunehmende Rolle von illegalen Arbeitskräften unter teilweise prekärsten Bedingungen auswirken wird.

  10. @Mara: Aber diese Konsumwünsche, die können auch nur durch Geld erfüllt werden, und das Grundeinkommen reicht nicht weit. Also besteht mangels Alternativen doch ein Anreiz, solche Jobs zu machen. Ausserdem denke ich nicht, dass Pflegeberufe von den Pflegern als reine Frust- oder Blöddeljobs wahrgenommen werden.

    Angenommen, man lässt keine billigen Ausländer herein. Wenn nun mein Vater pflegebedürftig wird, gibt es für mich zwei Alternativen: Ich bezahle jemandem so viel, dass jemand ihn freiwillig pflegt, oder ich pflege ihn selber (schliesslich kann ich mir das mit dem Grundeinkommen leisten). Also spielt endlich der freie Markt, der zwangfreie Arbeitsmarkt. Man hat keine Sklavenarbeiter mehr, die einem billig die Drecksarbeit machen müssen. Entweder man bezahlt richtig, oder man macht die Arbeit selber.

    Wie sich das insgesamt auf die Lebenshaltungskosten auswirkt, weiss ich ehrlich gesagt nicht. Ich würde aber meinen, dass sich das ausgleichen müsste: «Drecksarbeit» würde teurer, angenehme und sinnstiftende Arbeit würde günstiger oder sogar gratis, also durch ehrenamtliche Tätigkeit ersetzt.

  11. @Alice: Zum Schreinermeister-Beispiel: Und, was geschieht dann? Baut niemand mehr Häuser, weil es zu teuer ist? Als vor 150 Jahren in den USA die Sklaverei abgeschafft werden sollte, hatten die Südstaatler genau die gleichen Befürchtungen: Wer macht dann die Arbeit, wenn man niemanden mehr zwingen kann? Die Angst ist unnötig. Der Markt funktioniert ohne Zwangsarbeiter. Der Schreiner baut mir eine Türe, und ich baue ihm eine Website. Beide haben ein Interesse daran. Auf welchem Preisniveau das letztlich ist, ist egal. Aber solange nicht zusätzliches Geld in Umlauf gebracht wird, wird es auch keine Inflation geben.

    Zur Sozialhilfe und angeblich nötigen Zusatzleistungen: Das Grundeinkommen muss so hoch sein, dass es für durchschnittliche Leute zum Leben reicht, inkl. Zahlung der Krankenkassen- und IV-Prämien. Das ist die Definition des bedingungslosen Grundeinkommens. Die Sozialhilfe ist heute 960.– pro Einzelperson plus max. 900.– Miete (in Ausnahmefällen mehr) plus etwa 150.– Krankenkasse. 2500 Franken Grundeinkommen wäre deutlich darüber, bei Mehrpersonenhaushalten erst recht.

    Zur Wettbewerbsfähigkeit: Die meisten Löhne würden durch das Grundeinkommen sinken. Beispiel: Ein Familienvater, Alleinverdiener, der heute 8000 Franken nach Hause bringt für eine vierköpfige Familie. Mit dem Grundeinkommen hätte er z.B. 7500 Grundeinkommen (halbes Grundeinkommen für Kinder). Er möchte sich und der Familie aber auch ein Auto und Ferien und sonst den einen oder anderen Luxus leisten können. Wieso soll er nicht z.B. für 3000 Franken 80 % arbeiten gehen?
    Ich behaupte: In vielen (nicht allen) Branchen hätte die Schweiz einen beträchtlichen Wettbewerbsvorteil durch niederere Löhne für angenehme, sinnstiftende Arbeit. Unangenehme Arbeit würde hingegen tatsächlich tendenziell noch stärker ins Ausland verlagert.

    Zur Ausländerdiskriminierung: Ich schrieb ja: Grundsätzlich ja, sie müssen das Grundeinkommen auch erhalten. Aber die Schweiz kann natürlich nicht der ganzen Welt das Grundeinkommen bezahlen. Also braucht es eine Eintrittshürde. Heute bekommt auch nicht jeder dahergelaufene Ausländer sofort eine Sozialhilfe. Die Eintrittshürde ist leider unumgänglich.

    Zu: «warum soll ich spenden, wenn es allen “gut geht”?»: Schauen wir also, dass es nicht allen gut geht, damit wir mit ihnen solidarisch sein können? Ist wirklich Mitleid der Hauptantrieb, um etwas zum Gemeinwohl beizutragen? Also ich persönlich mache keine Jugendarbeit aus Mitleid. Und ich behaupte, dass die meisten, die etwas für das Gemeinwohl tun, dies auch nicht aus Mitleid machen.

    “Einem Alleinstehenden würde es nicht reichen. Familien mit Kindern kämen mit allen Beiträgen zusammen locker auf ein Einkommen, das es für sie total überflüssig machen würde, einer Arbeit nachzugehen.”
    Die Bessergestellten würden schon heute locker über die Runden kommen, auch wenn sie (zumindest vorübergehend) nicht arbeiten würden. Aber sie arbeiten lieber und leisten sich dann eine Villa. Die meisten Menschen haben nie genug Geld und also immer ein Interesse, zu arbeiten.

    «Der Mann könnte seine Frau wieder an den Herd schicken, ganz gemäss dem idealisierten Familienbild unserer Schweiz, denn wenn er arbeiten ginge und Frau und Kinder “einfach so” Geld erhielten, gäbe es keinen Grund für die Frau, einer Arbeit nachzugehen.»
    Du willst einen Zwang mit einem anderen Zwang bekämpfen? Damit die Frau nicht gezwungen wird daheim zu bleiben, soll sie gezwungen werden zu arbeiten?
    Genau vor dieser Haltung habe ich ein abgrundtiefe Abneigung: Dass man die Leute einerseits durch wirtschaftliche Zwänge und andererseits durch Subventionen erziehen muss. Die Leute finden selber heraus, wie sie ihr Leben gestalten wollen! Die Leute sind fähig, mit Freiheit umzugehen!
    Ein Zitat von Wolf Lotter (aus dem Film Grundeinkommen): «Die grosse Zumutung ist, dass jeder lernen muss, damit umzugehen. Das ist das grosse Ding dabei. Und da stehen wir am Anfang – nicht bei der Finanzierbarkeit. Die Finanzierung ist gewährleistet. Die Freiheit ist die schwierige Übung.»
    Anscheinend hat der Herr recht.

    «Witzigerweise kann ich dann das Buch kaufen, das mir Finanzierungsmodelle erklärt.»
    Weder ist das Grundeinkommen eine Idee von Filesharern, noch behauptet irgendjemand, dass Bücher zum Gratisdownload angeboten werden müssen (jedenfalls ist mir niemand bekannt). Aber ich schenke dir meines gerne, sobald ich es fertig gelesen habe (könnte noch eine Weile dauern) – falls ich dich mit einem solchen Geschenk nicht in einen Gewissenskonflikt bringe.

  12. @David
    Die Umstände bleiben aber die gleichen – ein harter Knochenjob mit schrecklichen Arbeitszeiten. Natürlich werden weiterhin einige es machen wollen. Aber auch im gut bezahlten Bereich der Pflege greift man heute schon auf deutsche Krankenschwestern zurück etc. Wenn noch weniger Schweizerinnen arbeiten müssen – werden es dann wirklcih mehr?

    Oder es entwickelt sich ein extremer schwarzer Mark für Illegale. Man selber arbeitet doch lieber zusätzlich noch 20 Stunden im Monat und zahlt dafür einen Illegalen – so wie es heute schon zu etlichen in der privaten Pflege funktioniert. Es ist nämlich extrem anstrengend die eignen Eltern daheim zu pflegen, körperlich und seelisch.
    Die Sklaven haben im übrigen nicht weiterhin für ihre alten Sklavenhalter gearbeitet weil sie es so toll fanden – sondern weil sie keine Alternative kannten/hatten. Selbständigkeit will nämlich erst gelernt werden. Die erste Generation befreiter Sklaven lebte danach Grösstenteils in schlechteren Bedingungen als vorher, weil sich ihr Patron nicht mehr verantwortlich fühlte – und der Preis für ihre Arbeitskraft extrem gesunken ist.

    “Wie sich das insgesamt auf die Lebenshaltungskosten auswirkt, weiss ich ehrlich gesagt nicht. Ich würde…”

    Wenn man sich sonstige Zeiten von Arbeitskräftemangel anschaut ist das eigentlich nie der Fall gewesen. Insbesondere nicht in der Schweiz, die auf solche Fälle immer mit Immigration reagiert hat bzw. der Druck von aussen mit Illegalität so gross wird, dass man diese Gefahr gar nicht eingehen möchte. gg

  13. @David:
    Danke, im Moment habe ich keine Lust auf das Buch. Und falls doch, kaufe ich es mir, so wie ich alle meine Bücher, die mich interessieren, kaufe.

    Ich muss mich hier ausklinken, weil ich merke, dass mir die Diskussion nicht gut tut. Sie führt mich im Moment auch nirgendwo hin, und das sollte eine Diskussion ja. Das liegt nicht an dir. Ich finde es gut, dass du das Thema aufgreifst. Es liegt an mir. Ich bin in keiner Art und Weise empfänglich für deine Argumente, und das wäre mindestens für mich eine Voraussetzung für eine fruchtbare Diskussion. Wir liegen in dieser Sache einfach zu weit auseinander. Es ist gerade so wie im momentanen Abstimmungskampf zur Waffeninitiative: Da prallen zwei Lager mit zwei verschiedenen Lebensentwürfen und Grundeinstellungen aufeinander, ohne sich einen Millimeter näher zu kommen – ein sinnloses Unterfangen, das wohl erst mit dem Abstimmungsresultat ein Ende findet. Danach müssen wir uns mit der Lösung arrangieren. So wird es auch mit dem Grundeinkommen sein.

  14. @Mara: Letztlich kann man das erst wissen, wenn man es ausprobiert. Ich kann nicht mehr sagen, als dass ich bezweifle, dass die hiesigen Krankenschwestern in grosser Zahl aufhören würden zu arbeiten, nur weil sie 2500 Franken monatlich Grundeinkommen erhalten.

    Ich bin aber auch der Meinung, dass man das Grundeinkommen nicht plötzlich einführen soll und kann, sondern es klein beginnen und langsam ansteigen lassen muss: Erst mal 500 im Monat, dann 1000, usw. Dann kann man beobachten, welche Effekte es hat, und entsprechende Korrekturen anbringen – oder die Übung ganz abblasen, wenn es halt tatsächlich nicht funktionieren sollte. Man kann also einen risikolosen Übergang machen.

    @Alice: Ja, es sind unterschiedliche Menschenbilder oder Weltanschauungen. Man kann sich auch darauf einigen, dass man sich nicht einigt – obwohl eine Einigung natürlich erstrebenswert wäre.

  15. @David
    Ich weiss nicht, ob man das dann wirklich risikolosen Übergang nennen kann..:-)
    Die Idee all die Verwaltung der Armut aufzugeben und dafür mit geringstem Verwaltungsaufwand allen ein würdiges Leben zu ermöglichen finde ich selber auch sehr reizvoll. Nur glaube ich, dass die Auswirkungen auf die ärmeren Staaten und die migrationswilligen Menschen noch fataler werden. Und da muss man ja nicht erst in die Zukunft dafür sehen können…

    Ein bischen Bedenken hätte ich auch weiterhin, wass aus dem Antrieb eines Menschen wird, für sich selbst verantwortlich zu sein. Die ganzen Generationen in Deutschland die von der Sozialhilfe gelebt haben/leben sind da wirklich abschreckendes Beispiel. Für alles, aber auch alles, werden andere in die Verantwortung genommen.

  16. “Ja, es sind unterschiedliche Menschenbilder oder Weltanschauungen. Man kann sich auch darauf einigen, dass man sich nicht einigt – obwohl eine Einigung natürlich erstrebenswert wäre.”

    wenn ich mich hier mal in diese spannende diskussion einklinken darf:
    ich denke, es geht bei der momentanen debatte über das grundeinkommen ganz klar nicht um politische oder finanzielle aspekte, sondern ganz “banal” um verschiedene menschenbilder. was aber nicht wirklich “banal” ist, wenn man’s genauer betrachtet, wenn man sich wirklich ehrlich auf die frage einlässt – die ganz grundsätzliche frage: was ist der mensch, wie bin ich und wie sind die anderen.

    geht man von sich aus, wird vieles beschönigt. betrachtet man die freunde und bekannten, dann wird ebenfalls beschönigt bzw. man sieht sie eher realistisch. sieht man aber die an, die man nicht kennt, dann kommen die unsäglichen vorurteile. die bösen sind bekanntlich immer die anderen. die eigenen unzulänglichkeiten schaut man nicht gerne an, man projiziert sie gerne in irgendwelche feindbilder (egal, ob das die “reichen säcke” dort oben ander macht sind, die “ungebildeten, faulen säcke” aus der unterschicht oder die ignoranten mitläufer aus der mittelschicht). ist nicht jeder irgendwie so ein sack, der sich von anderen herumschleppen lässt, sich auf irgendwelche haufen werfen lässt, ohne selber wirklich zu bestimmen, wohin die reise geht?

    wenn sich jeder mal die zeit nähme, sich und sein leben zu hinterfragen, dann würde vielleicht ein umdenken in gang kommen, dann würde sich vielleicht jeder seiner verantwortung bewusst, die er sich selbst und auch den mitmenschen und der umwelt gegenüber hat. hätte man zeit, dann wäre auf einmal die ausrede nicht mehr da – “ich kann ja nichts ändern, die anderen müssen zuerst das system ändern.”

    wenn man aber im hamsterrad von arbeit, steuerzahlen, familie, haushalt, konsum, freizeitstress etc. gefangen ist, wenn es sich niemand leisten kann, einfach mal ein jahr lang auszusetzen, ohne den totalen sozialen abstieg zu riskieren, wird man nie die zeit finden, den gang des lebens zu verändern, etwas neues zu riskieren oder einfach mal in sich hineinzuhorchen.

    viele leute träumen vom ausstieg. viele leute sagen: was ich am nötigsten hätte, wäre nicht geld, sondern einfach mal ZEIT und RUHE. und zwar nicht einfach drei wochen ferien, in denen ich erstmal krank werde und dann vielleicht noch in die malediven jette oder in irgendwelchen städten kulturstress zelebriere, sondern zeit für sich selbst. zeit, ohne deadline. ruhe, um nachzudenken. ruhe, um die innere stimme zu hören, die im allgemeinen trubel komplett untergeht. ruhe, um sich die fragen zu stellen, die man quasi von der schulzeit an verdrängt hat, die man auf die pension aufgespart hat.

    der tod meines vaters kurz nach der pension hat mich eines gelehrt: das leben fängt bereits bei der geburt an, nicht erst bei der pension! ich habe mir immer wieder mal ein paar monate zeit genommen, um mich zu hinterfragen, ob mein leben sinn macht, ob es erfüllt ist, was fehlt und was ich ändern sollte. sinn ergibt sich nicht automatisch oder wird einem von aussen geschenkt. sinn stiftet jeder sich selbst. und das tragische am leben ist, niemand kann die verantwortung einfach abgeben. tut man das, wird man zum opfer und somit handlungsunfähig.

    für mich ist das grundeinkommen mehr als einfach ein ersatz für ein bestehendes sozialsystem. es ist die grundsätzliche frage nach dem sinn des lebens – nach dem sinn MEINES lebens und nach der verantwortung, die ich trage. für mich und für die umwelt. und es ist letztlich die frage nach der existenzberechtigung jedes einzelnen menschen. das recht auf eine menschenwürdige existenz.

    niemand, der selber mal arbeitslos war oder sozialempfänger, würde von sich behaupten, dass er dass er das gewählt hatte. und wenn man in eine abhängigkeitsposition gedrängt wird, wenn man nicht mehr selber bestimmen kann, was und wo man arbeiten (tätig sein) will, ist man kaum mehr in der lage, verantwortung zu übernehmen. der selbstwert ist im keller (z.b. nach 300 absagen), man ist eh zu alt, um noch etwas ändern zu können, man verliert das ziel, den sinn, man rutscht ab in die resignation, in die opferrolle.

    ein grundeinkommen würde es gar nie soweit kommen lassen. betrachtet man das grundeinkommen als willkommensgeschenk, als bürgerrecht, als voraussetzung dafür, überhaupt erst mal tätig werden zu können, dann wird man es auch entsprechend positiv nutzen können. denn wenn es bedingungslos ist, ist man auch nicht von irgendwem abhängig. denn erst aus der unabhängigkeit (freiheit) heraus ist man in der lage, verantwortung zu übernehmen und letztlich auch tätig zu werden.

    also: steigen wir aus dem sack heraus und schauen uns selber und unsere umwelt erstmal an. ohne zu beschönigen, ohne zu verurteilen, ohne etwas zu erwarten. was dann folgt, ist betroffenheit. und dann vielleicht empathie. und dann vielleicht einsicht, erkenntnis… wer weiss.

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