Substanzielles aus der Sicht eines Piraten

Wähle das absurdeste Anti-Minarett-Argument

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  • Minarette sind zu verbieten, weil sie ein (politisches, männliches, …) Machtsymbol darstellen. Minaretten eine Machtsymbolik zuzusprechen, Kirchtürmen, Hochhäusern, Schlössern (Gruss nach Rhäzüns), McDonalds-Säulen, grossen Autos, Hakenkreuzen (alles erlaubt) Machtsymbolik aber abzusprechen, ist bei klarem Blick nicht aufrechtzuerhalten. Ausserdem entstehen bei Symbolverboten unweigerlich Ersatzsymbole, die man auch laufend verbieten müsste.
  • Der Islam machte keine Aufklärung durch. Erstens war das maurische Spanien ein Ausgangspunkt der Aufklärung. Zweitens ist es unvorstellbar, dass auf dem religiös durchmischten Balkan (woher die meisten Muslime in der Schweiz kommen) die Aufklärung nur die Christen erreichte. Albaner, Bosniaken und Türken hatten die gleiche Aufklärung wie die Griechen und Schweizer. Die Aufklärung hatte (und hat weiterhin) natürlich einen riesigen kulturellen Einfluss auf die muslimische Welt. Zwischen 1957 und 1981 haben fast alle muslimischen Staaten die Schwelle von 50 % alphabetisierter Frauen erreicht (zum Vergleich: in Italien wurde das um 1882 erreicht). Entwicklung und Aufklärung geht Hand in Hand, darin unterscheidet sich die muslimische Welt kein bisschen von der christlichen. Christliche Entwicklungsländer sind auch nicht aufgeklärter. Und dass die Aufklärung bei den religiösen Führern noch nicht angekommen ist, gilt ebenfalls für das Christentum.
  • Es droht die Einfühung der Scharia. In Albanien, Kosovo, Bosnien, Türkei, Ägypten, Pakistan, Indonesien, Tunesien und anderen islamischen Ländern ist die Scharia nicht offizielles Gesetz. Auch unter den Muslimen in der Schweiz würde die Einführung der Scharia klar abgelehnt. Die Scharia ist ein Problem, aber keines in der Schweiz. Auch kein künftiges.
  • Wir bekämpfen die Frauenbeschneidung.Weibliche Genitalverstümmelung ist ein vormuslimische Tradition aus dem alten Ägypten. Sie wird von afrikanischen Einwanderern teilweise auch in der Schweiz praktiziert – auch von Nicht-Muslimen. Diese wird schon lange insbesondere von linker Seite bekämpft, zum Beispiel mit einer parlamentarischen Initiative von SP-Nationalrätin Maria Roth-Bernasconi. Das Minarettverbot trägt nichts dazu bei.
  • In islamischen Ländern kann man auch keine Kirchen/Kirchtürme bauen. Doch, man kann, in vielen Ländern, z.B. Kosovo, Türkei, Jordanien, Iran, Marokko, … Ausserdem wird eine symmetrische Ungerechtigkeit nicht zu einer Gerechtigkeit. Wollen wir uns wirklich Staaten ohne Religionsfreiheit zum Vorbild nehmen?
  • Recep Tayyip Erdogan sagte, Minarette seien die Bajonette der Muslime. Erdogan zitierte ein Gedicht. Ausserdem hat er sich längst vom radikalen Islam distanziert.
  • Es geht nicht, dass Muslime am Schwimmunterricht nicht teilnehmen. Schweizer Christen empörten sich vor 90 Jahren über das erste gemischtgeschlechtliche Strandbad in Wäggis. Das war nicht im Mittelalter. Natürlich müssen die Lehrpläne durchgesetzt werden. Aber mit ein wenig Geschichtskenntnis merken wir, dass das keine muslimische, sondern eine kulturelle Frage ist. Diese Kultur ist uns nicht fern.
  • Wer in der Schweiz leben will, muss unsere freiheitliche Grundordnung und unseren Rechtsstaat akzeptieren. Die Freiheit einschränken, um die Freiheit zu verteidigen. Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.
  • Der Islam macht keine Trennung zwischen Religion und Staat. Die Bibel auch nicht. Entscheidend ist, was die Schweizer Muslime machen. Diese machen eine Trennung zwischen Religion und Staat. Die vollständige Trennung von Religion und Staat haben aber die meisten Kantone noch immer nicht vollzogen. Sie wird verhindert insbesondere von vielen Minarettverbotsbefürwortern.
  • Muslime zwingen die Frauen unter die Burka. Es gibt keine einzige bekannte Burkaträgerin in der Schweiz. Vereinzelte Burkaträgerinnen in Genf oder St. Moritz sind Touristinnen.
  • Minarette stellen bei uns einen Fremdkörper dar. Jede Neuerung stellt erst mal ein Fremdkörper dar. Hätten unsere Ahnen sich so verschlossen gegenüber Einflüssen von aussen, würden wir immer noch in Pfahlbauten hausen. Dieses Argument trifft jegliche Sakralbauten und jegliche aussergewöhnliche Architektur.
  • Die Politiker nehmen das Volk nicht ernst. Dies ist der billigste Vorwurf jener, die undiffernzierte Schlagwort- und Schaumlägerpolitk betreiben, an jene, die sich ehrlich in mühsamer Kleinarbeit um tragfähige Lösungen der Probleme bemühen. Es werden grosse Anstrengungen unternommen, um die wirklichen Probleme zu bekämpfen. Es ist sehr bequem, selbst nicht zur Lösung der Probleme beizutragen, und einfach mit Vorwürfen um sich zu werfen.
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Wähle das absurdeste Anti-Minarett-Argument von David Herzog, sofern nicht ausdrücklich anders festgestellt, ist lizenziert unter einer Creative Commons Attribution 4.0 International Lizenz.

Autor: David Herzog

Pirat, Humanist, Träumer, Designer, Menschenfreund. Auch hier zu Hause.

14 Kommentare

  1. Ei, die Qual der Wahl. Hervorragend die absurden Argumente zerzaust.

  2. Gute Arbeit, aber sie kommt leider erst nach der Abstimmung.

  3. Ja, leider. Sorry, ich rechnete auch nicht mit diesem Ausgang. Aber auch wenn der Beitrag vor der Abstimmung erschienen wäre, hätte das am Ausgang nicht viel verändert.

  4. Pingback: Last Christmas « Journalistenschredder

  5. danke für das Zusammenschreiben. Wer ernsthaft nach Argumenten auch vorher gesucht hat, hätte sie auch finden können. Aber das Bedürfnis hier eine rationale Entscheidungsgrundlage zu finden war wohl leider nicht besonders gross .

    Die Frage der Aufklärung ist allerdings historisch auch anders zu beantworten als für die letzten zwanzig Jahre. Gerade auch Agypten, dass früh das Frauenwahlrecht kannte und wo man in den 70-er jahren keine Kopftücher sah hat sich unter dem Einfluss der wahabiten sehr geändert.

    Die Rechtsprechung zu dem Schwimmunterricht wurde inzwischen nicht mehr bestätigt. Die Bewilligungspraxis ist sehr viel rigoroser geworden – und wirklich zur Einzelfallentscheidung geworden.

  6. Pingback: Zwei Tage danach » AchWas

  7. @Mara: Ich denke nicht, dass ein historisch gesehen kurzfristiger Trend von 20 Jahren dem viel längeren Prozess der Aufklärung etwas anhaben kann. Wenn die Aufklärung die Nazizeit überleben konnte, wird sie auch ein paar Wahabiten überleben.

  8. @ david

    Das ist die Hoffnung ja.. der Rest muss sich mehr Gehör verschaffen..

    z.B so
    http://www.forum-islam.ch/

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  10. Interessante Idee, die Argument der Befürworter zur zerpflücken. Leider haben sich da ein paar “Ungenauigkeiten” eingeschlichen:
    1. Die Aufklärung ist ein Phänomen des 16. und 17. Jahrhunderts (v.a. in Frankreich, England, Holland) und enthält als wesentliches Element die Säkularisierung (also eben gerade nicht Religion). Absurd ist den Ursprung der Aufklärung im Spanien des 15. Jahrhunderts zu suchen, denn damals wurden die Moslems von den Christen aus Spanien vertrieben.
    2. Ex-Jugoslawien war integrierender Bestandteil des osmanischen Reiches. Es gibt Leute, die der Meinung sind, dass der Genozid an den Muslims in den jugoslawischen Kriegen zu Beginn der 90er Jahre darauf zurückzuführen sind, dass die Menschen im osmanischen Reich keine Rennaissance, keine Reformation und keine Aufklärung mitgemacht haben.
    3. Mustafa Kemal Atatürk, war ein grosser Staatsmann, der Gründer der modernen Türkei und hat den Islam dorthin verbannt wo er hingehört (in die Moscheen und in den Privatbereich). Leider ist mir Erdogan ein religiöser Fanatiker an die Macht gekommen, der solche Gedichte zitiert.

  11. @Thomas Heise:
    1.+2. Das würde also heissen, dass die Aufklärung auch bei den Griechen nicht angekommen ist. Dann müssten wir auch orthodoxe Kirchtürme verbieten. Ich verstehe Aufklärung als Prozess, in dem sich der Mensch aus der «selbst verschuldeten Unmündigkeit» löst. Dieser Prozess ging natürlich nach dem 17. Jahrhundert weiter und beschränkte sich nicht auf die genannten Länder.
    3. Ich teile die Einschätzung «religiöser Fanatiker» nicht. Und er zitiert auch keine solchen Gedichte mehr. Über die Vermächtnisse von Atatürk sind wir uns einig.

  12. Pingback: Bizarre Logik › blog.flöschen

  13. @David:
    Bitte keine Unterstellungen. Es ist eine interessante Frage, wie der kulturelle Prozess der Aufklärung im Griechenland des 16. und 17. Jahrhunderts absorbiert wurde und bis zu welchem Grade die griechische Gesellschaft des 21. Jahrhunderts die Errungenschaften der Auflklärung denkt und lebt! Man denke zurück an die Militärdiktatur aber auch an den Zypern-Konflikt.

  14. Dann sind wir uns einig, dass es keine Aufklärungsgrenze zwischen dem Islam und dem Christentum gibt, wie uns das Schlüer und Co weismachen wollten?

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