Täterschutz: Ja!

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In einer Zeit, in der von links bis rechts härtere Strafen und Strafverfolgung gefordert und durchgesetzt wird, muss ich meinem Missfallen darüber Ausdruck verleihen.

Das oberste Ziel muss sein, die Sicherheit zu erhöhen und somit Opfer zu verhindern. Auf manchen Gebieten, zum Beispiel im Strassenverkehr, kann es sein, dass härtere Strafen zu einem Rückgang der schweren Verkehrsunfälle führen können. In diesem Fall ist eine Verschärfung natürlich sehr zu begrüssen. Falls für gewisse Massnahmen kein gewünschtes Resultat gemessen werden kann, muss man sie aber auch wieder rückgängig machen.

Manche Vorschläge und auch vom Volk angenommene Initiativen führen nicht zu einer grösseren Sicherheit. Sie dienen alleine dem Stillen von Rachegelüsten. Für jemanden, dem 2 Jahre Gefängnis nicht genug abschreckend sind, für den sind auch 5 Jahre keine Abschreckung. Überall die Gefängnisstrafen hinaufzusetzen, nützt nichts. Öffentliche Pranger, wie es in der aktuellen Arena SVP-Giftzwerg Andreas Glarner wieder einmal vorgeschlagen hat, sind Methoden aus dem Mittelalter. Auch die unterschiedliche Bestrafung von Schweizern und Ausländern, wie es die SVP mit ihrer Ausschaffungsinitiative fordert, hat nichts mit der Schaffung von mehr Sicherheit zu tun – und läuft ausserdem meinem Gerechtigkeitsempfinden zutiefst zuwider.

Auch wenn man sich damit links und rechts in die Nesseln setzt: Ja, wir brauchen einen Täterschutz! Wir haben dafür zu sorgen, dass Strafen gerecht, zweck- und verhältnismässig sind. Und wir müssen bedenken, dass auch Justizirrtümer Opfer produzieren. Sonst befinden wir uns auf direktem Weg zurück ins Mittelalter (oder zumindest nach Amerika, was genügend schlimm ist). Leider ist eine solche Position für Politiker sehr unpopulär. «Täterschutz» als Vorwurf zu rufen, ist viel einfacher.

Autor: David Herzog

Pirat, Humanist, Träumer, Designer, überzeugter Zweifler. Mein Zuhause ist auch hier.

5 Kommentare

  1. Gut gebrüllt! Meine Erfahrung ist, dass wenn jemand diese Position vertritt, es sehr rasch auf eine Ebene geht, die nicht mehr viel mit einer Diskussion zu tun hat. Sätze wie „Wir haben eine Täterjustiz!“ und ähnliches gibt es immer wieder. Wenn es um Rache geht, dann hat das nichts mehr mit Rechtsstaat zu tun.

  2. Rache?
    Ich sehe das anders: Es gibt ein Gerechtigkeitsempfinden, und wenn das Recht dieses Gerechtigkeitsempfinden mit Füssen tritt (bedingte Geldstrafen / bedingte Arbeitseinsätze), dann würde ich mir als Opfer doppelt gestraft vorkommen. Ganz ohne Rachegelüste. Einfach nur verarscht. Und zum zweiten Mal in meiner Würde verletzt. Aber vielleicht gehöre ich ja zu der Sorte, mit der man nicht diskutieren kann. Warum eigentlich nicht, Flöschen? Weil man dann ein paar Dinge zu hören bekommt, die einem nicht in den Kram passen?

    „Gerechte“ Strafen sind immer schwierig auszusprechen oder gar zu definieren. Aber ich bin gerne für zweck- uhnd verhältnismässig.

  3. Schlussendlich ist es unmöglich, «gerecht» zu definieren. Taten, die bleibende Schäden oder gar Tote verursachen, kann man durch nichts wieder gutmachen. Wir, und auch die Opfer, müssen uns damit abfinden, dass Strafen nie Gerechtigkeit wiederherstellen können.

    Es gibt auch den umgekehrten Fall, dass ein Opfer einem Täter vergibt, der Täter aber trotzdem noch eine lange Strafe absitzen muss. Gerechtigkeitsempfinden ist sehr individuell und fallspezifisch – es ist unmöglich, dieses in Gesetze zu giessen.

    In meinen Augen sollte das primäre Ziel von Strafen die Abschreckung sein. Tätern soll durch die Taten niemals ein Vorteil, sondern immer ein klarer Nachteil entstehen. Nicht mehr und nicht weniger. Daran sollten wir uns orientieren. Und ja, bedingte Geldstrafen/Arbeitseinsätze lassen diesen Nachteil wahrscheinlich nicht entstehen. Da sehe ich auch Handlungsbedarf. Der Artikel bezog sich mehr auf die längeren Gefängnisstrafen, Ausschaffungen usw. sowie auf entwürdigende Methoden (Pranger).

    PS: Lustig, wenn solch alte Artikel plötzlich wieder auftauchen und zu Diskussionen anregen…

  4. Völlig einverstanden: Es ist unmöglich, „gerecht“, zu definieren. Aber es gibt Strafmasse, bei denen einem das Wort „gerecht“ als allerletztes einfällt. Schlimm wird es für mich dort, wo das Opfer durch das Strafmass des Täters ein zweites Mal verhöhnt wird.

    Ebenfalls einverstanden bin ich mit dem Ziel. Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich irgendwo gelesen, dass das mit den bedingten Geldstrafen wieder aufgehoben werden soll.

  5. Ich habe den Eindruck, dass das Empfinden von Verhöhnt-werden zwei Ursachen haben kann: Einerseits durch ein Urteil, das dem Täter keinen wirklichen Nachteil zukommen lässt (noch verstärkt im Falle dass der Täter keine Reue zeigt), andererseits aber auch durch die falsche Erwartung, das Gericht könne Gerechtigkeit widerherstellen. Wenn beispielsweise in einem Mordprozess keine Todesstrafe ausgesprochen wird, kann das von Angehörigen wie eine Verhöhnung wahrgenommen werden, wenn sie eine Todesstrafe erwarten (bei uns kaum der Fall, in den USA aber schon).

    Ich muss aber eingestehen, dass das eine rein theoretische Ferndiagnose ist.

    Vielleicht, um ein konkretes Beispiel als Diskussionsgrundlage zu haben: Fall Dominik Bein.
    Ich finde, mit (soviel ich weiss) letztinstanzlich 5 bis 6,5 Jahren Gefängnis haben die Täter einen klaren Nachteil durch die Tat (selbst wenn sie wegen gute Führung früher entlassen werden). Trotzdem können sich das Opfer und die Angehörigen verhöhnt vorkommen, denn die Täter werden wieder frei herumlaufen, während das Opfer sein Leben lang behindert sein wird. Vor allem auch, weil die Täter keine Reue zeigen. Viele sprachen deshalb auch von einem „Skandalurteil“. Trotzdem sehe ich keinen Sinn in einer härteren Strafe. Weder würde eine solche eine verstärkte Abschreckung bewirken, noch würden die Täter dadurch einsichtig werden. Vermutlich hätte schon eine weniger lange Strafe gereicht, um klar abschreckend zu wirken.

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