Substanzielles aus der Sicht eines Piraten

Politik der Paranoia – heute: Staatskinder

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Die «traditionelle Familie» ist der Grundstein im Weltbild der Konservativen. Ein Mann als Oberhaupt, der sie beschützt und das Geld nach Hause bringt, ein paar Kinder und eine Frau, die für die Kinder da ist und dafür sorgt, dass sie sich wohlbehütet entwickeln können. Ohne diese traditionelle Familie wäre in ihren Augen das christliche Abendland dem Untergang geweiht. Sie ist der zentrale «Wert» im Wertesystem von der SVP, der EDU, den SD bis hin zur CVP und EVP. Nun sehen sie dieses Ideal bedroht von links, und sie haben einen Namen dafür: «Verstaatlichung der Kindheit».

Die Neukonservativen sind gegen staatliche oder staatlich geförderte Betreuungseinrichtungen und für eine möglichst späte Einschulung. Sie haben Angst, diese Betreuungspersonen würden ihren Kindern nicht die «wahren Werte» vermitteln. Sie argumentieren, man wolle den Kindern die Kindheit wegnehmen. Paradoxerweise sind sie dann aber, sobald die Kinder in der Schule sind, für die Durchsetzung von Disziplin und Leistung, für Notendruck ab dem ersten Tag (Schlagwort «Kuschelpädagogik»). Als ob das den Kindern die unbeschwerte Kindheit nicht wegnehmen würde. «Die Kindheit wegnehmen» ist ein leeres Schlagwort; die Neukonservativen denken nicht von den Bedürfnissen des Kindes aus, sondern ordnen einfach alles der Verteidigung der «traditionellen Familie» unter. Ob diese den Bedürfnissen der Kinder gerecht wird, stellen sie niemals in Frage. In ihren Augen ist die «traditionelle Familie» gar gottgewollt und daher nicht verhandelbar.

Mit den Anti-HarmoS-Plakaten mit den weinenden Kindern spielen sie sich als deren Anwälte auf. Dass aber viele Kinder oft alleine zu Hause sind, weil aus finanziellen Gründen beide Elternteile erwerbstätig sind – dass insbesondere ausländische Kinder zu Hause ungenügend gefördert und mit einem Entwicklungsrückstand in die Schule kommen – dass viele Eltern überfordert sind und die Kinder darunter leiden – dass vermögende Eltern ihre Kinder dann trotzdem in Frühförderkurse schicken – dass Krippenkinder in der Entwicklung den anderen Kindern voraus sind – dass aus beruflichen und wirtschaftlichen Überlegungen immer weniger Paare Kinder kriegen wollen – all das ignorieren die Neukonservativen einfach. Denn es passt nicht in ihr Weltbild.

Es ist nicht alles gut, was an Erziehungs- und Schulreformen aufgegleist wird. Diese würden eine schonungslose, vertiefte Diskussion erfordern. Die religiös-konservative Herangehensweise verunmöglicht aber eine sachliche Diskussion. Und schadet damit unseren Kindern.

In einer losen Serie thematisiere ich Aspekte des (empfehlenswerten!) Buches «Politik der Paranoia» von Robert Misik – adaptiert auf die politische Situation in der Schweiz.

Creative Commons-Lizenz
Politik der Paranoia – heute: Staatskinder von David Herzog, sofern nicht ausdrücklich anders festgestellt, ist lizenziert unter einer Creative Commons Attribution 4.0 International Lizenz.

Autor: David Herzog

Pirat, Humanist, Träumer, Designer, Menschenfreund. Auch hier zu Hause.

2 Kommentare

  1. Danke :-)
    Dank Misiks Vorarbeit aber nicht so schwer zu schreiben.

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