Note to myself: Vertrau keinen netten Journis

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Juhuu, ich kam im Regionaljournal! Ich? Naja, das, was der Journalist aus mir mit viel Fantasie fabriziert hat.

Ob ich bereit wäre für eine etwas experimentelle Art eines Interviews, fragte er mich nett. Während alle anderen Kandidaten sicher nicht den Mut gehabt hätten, sich auf ein Experiment einzulassen, schafft es der Journalist, mir meine breitwillige Experimentierfreude als Medienscheuheit umzuinterpretieren und faktenwidrig zu behaupten, es wäre mir darum lieber gewesen, das Interview schriftlich zu führen.

«Grossartig!» mailt mir der Journalist zurück, als er meine Antworten auf seine Fragen erhält. Anscheinend hat er sie so grossartig gefunden, dass er fast keine der Antworten im Beitrag verwendet hat, nämlich die gelb unterlegten Abschnitte, wovon der heller gelbe in indirekter Rede.

1) Warum kandidierst du für den Ständerat?
Die Piratenpartei ist gegründet worden, weil die Politik in Bern die Anliegen und die Erfahrungswelt der Leute, die in der digitalen Welt aufgewachsen und zu Hause sind, ignoriert. Ich will in den Ständerat, damit sich das ändert. Ich will mit meiner Kandidatur auf die berechtigen Anliegen und ethischen Standards einer neuen Generation aufmerksam machen, damit sie nicht so einfach übergangen werden können. Und ich will damit auch andere Leute motivieren, ihre Stimme zu erheben und sich politisch einzumischen.

2) Warum für die Piraten?
Die Piraten sind die einzige Partei, die konsequent auf der Seite der Grundrechte, des Fortschritts und der Freiheit stehen. Wenn es sie nicht gäbe, müsste man sie sofort wieder erfinden.

3) Was ist dein wichtigstes Wahlkampfthema?
Mein Hauptanliegen ist, das freie Internet gegen die Angriffe von allen Seiten zu verteidigen. Es werden Bewegungsprofile von uns erstellt, die Geheimdienste untergraben die Sicherheitsmechanismen, der Bundesrat möchte das Internet zensurieren, bloss um das Geschäft der inländischen Spielcasinos zu schützen, und die Telekomanbieter möchten ein 2-Klassen-Internet einführen, damit sie ihre Gewinne maximieren können. Es steht die Privatsphäre und die Informationsfreiheit auf dem Spiel. Verlieren wir den Kampf um das freie Internet, verlieren wir auch den Kampf um die freie Gesellschaft.

4) Du wirst kaum gewählt, warum machst du trotzdem mit?
Ich stelle mich zur Verfügung, um der Partei zu helfen, sichtbar zu werden. Und weil uns die Kandidaten der anderen Parteien nicht wirklich überzeugt haben. Vielleicht kann ich mit der Kandidatur auch dem einen oder anderen Kandidaten einen Gedankenanstoss liefern.

5) Du bezeichnest dich selbst als «zu verpeilt, um einen professionellen Wahlkampf hinzulegen». Inwiefern verpeilt?
Um neben dem Beruf und ohne Sekretariat, ohne Erfahrung und ohne Geld den Anschein eines halbwegs professionellen Wahlkampf zu erzeugen, bräuchte es eine eiserne Selbstdisziplin und Arbeitswut. Ich mache aber Politik aus Spass, darum ist es ein Wahlkampf nach Lust und Laune.

6) Du bezeichnest dich als humanistisch-liberal-progressiv, was bedeutet das für dich?
Humanistisch bedeutet, dass für uns die individuellen Bedürfnisse aller Menschen im Zentrum stehen. Unsere Basis ist eine wissenschaftlich fundierte Ethik. Wir kämpfen für möglichst grosse persönliche Freiheit, zum Beispiel für die Legalisierung von Drogen. Wir sind eine Zukunftspartei, die den technischen Fortschritt begrüsst und diesen als Chance für eine bessere Gesellschaft begreift.

7) Was macht ein Interaktionsdesigner? Warum hast du diesen Beruf gewählt?
Ein Interaktionsdesigner gestaltet die Bedienung von Geräten und Applikationen. Wenn Sie zum Beispiel beim Billettautomaten nicht drauskommen, hat der Interaktionsdesigner seine Arbeit vermutlich nicht gut gemacht. Es ist ein vielfältiger und kreativer Beruf an der Schnittstelle zwischen Informatik und Design. Das fasziniert mich.

Stattdessen nimmt er Ausschnitte aus einem früheren Blogpost, reisst sie aus dem Zusammenhang und tut so, als hätte ich diese Aussagen ihm und den Radiohörern gegenüber gemacht. So erweckt er absichtlich ein falsches Bild von mir und schafft es zudem, die mir zugestandenen zweieinhalb Minuten (der Ecopop-Kandidat erhielt über 3 Minuten, die anderen Kandidaten werden vermutlich über 5 Minuten erhalten) mehrheitlich für Unpolitisches zu verwenden.

Liebes Regionaljournal, Fairness geht anders als so:

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Autor: David Herzog

Pirat, Humanist, Träumer, Designer, überzeugter Zweifler. Mein Zuhause ist auch hier.

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