Substanzielles aus der Sicht eines Piraten

Idée suisse radikal neu denken: fünf Ansätze

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Internet und Digitalfernsehen befreien die herkömmlichen Medien von ihren Fesseln: Keine Beschränkung der Anzahl Kanäle, keine Platzknappheit, keinen Zwang zu Linearität und Gleichzeitigkeit, keine Limitierung der Rückkanäle, keinen Zwang zu einem uniformen Massenprodukt, keine geografische Grenzen, keine so starke Trennung von Text, Ton und Bewegtbild mehr. Nur die alten Strukturen und Prozesse hindern die Medienunternehmen, diese bisher undenkbare neue Freiheit zu nutzen. Zwar machen alle irgendwas mit dem Internet. Aber glücklich mit dem Journalismus im Internet ist noch kaum jemand geworden. Nutzer werden zu Klickvieh degradiert, Journalismus wird boulevardisiert und googleoptimiert, die Öffentlichrechtlichen werden limitiert, Einnahmen werden trotzdem kaum generiert. Die Anzeigen finden eigene Kanäle, und die Gebühreneintreibung verliert durch das Internet und die Medienkonvergenz ihre Berechtigung noch vollends. Redaktionen werden zusammengeschlossen, Stellen und Qualität abgebaut, Nachrichtenagenturen sind ebenfalls vom Aussterben bedroht. Die Zukunft des Qualitätsjournalismus sieht wahrlich nicht rosig aus. Rettungsversuche mit Bezahlschranken auf Websites wie jene von Springer sind jämmerlich. Das iPad wird nicht der Heilsbringer für den Journalismus werden, den sich manche erhoffen.

Wie soll das nur weitergehen? Es ist Zeit für einen ziemlich radikalen Neuanfang. Fünf Ansätze für eine Neuordnung:

  • Distribution privatisieren und deregulieren. Mit dem Internet ist die Distribution sehr einfach und günstig und die Begrenzung der Kanäle aufgehoben worden. Produktion und Distribution sind voneinander unabhängig geworden. Die Distribution funktioniert auch ohne Subventionen und ohne gebührenfinanzierte Monopolsender. Die SRG sollte alle ihre Sender schliessen und die Distribution dem Internet und dem freien Markt überlassen.
  • Konvergieren, aber richtig! Eine heutige «Zeitungswebsite» oder «Fernseh-Website» ist wie ein frühes Automobil, das eine motorisierte Kutsche war. Im Internet braucht man weder eine Zeitung noch einen TV-Sender zu imitieren. Wenn man alle bisherigen Möglichkeiten mit den interaktiven und individualisierenden Möglichkeiten des Internets kombiniert, entsteht etwas ganz Eigenes, das auch eine eigene Marke braucht und kein Online-Ableger eines traditionellen Mediums sein kann. Text, Bild, Ton, Film und interaktive Visualisierung sind gleichwertige Basismedien mit je eigenem Einsatzbereich.
  • Gebührenmodell durch Steuermodell ersetzen. Der Staat sollte die Finanzierung von qualitativ hochstehendem Journalismus sicherstellen. Die Empfangsgebühren machten Sinn, als es nur SRG-Sender und nur ein Gerät pro Haushalt gab. Heute sind sie ein Anachronismus, denn ein empfangsfähiges Gerät hat mit tatsächlichem Empfang nichts zu tun. Die Einheitsgebühren pro Haushalt sollten aus Fairnessgründen durch geräteunabhängige, einkommensabhängige Steuern pro Kopf ersetzt werden.
  • Vierte Macht installieren und fokussieren. Journalismus hat eine ungeheuer wichtige Aufgabe im demokratischen Staat. Die Erfüllung dieser Aufgabe sollte nicht dem Zufall (dem Anzeigenmarkt) überlassen werden, sondern institutionell gestärkt werden. Die senderlose SRG könnte man in Redaktionen nach dem Vorbild von Pulitzerpreis-Gewinner ProPublica (jedoch steuerfinanziert) aufsplitten. Diese würden ihre journalistischen Erzeugnisse unter den privatisierten Sendern und Medienhäusern versteigern oder sie ihnen gratis anbieten. Auch die Nachrichtenagentur könnte mit Steuergeldern finanziert werden. Sportübertragungen und Unterhaltungssendungen braucht es aus politischer Sicht hingegen nicht. Diese können vollständig privat finanziert und produziert werden.
  • Mit freien Lizenzen veröffentlichen. Was durch Steuerzahler finanziert wird, sollte der Öffentlichkeit spätestens nach wenigen Tagen zur freien Verwendung überlassen werden, inklusive Rohmaterialien.

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Idée suisse radikal neu denken: fünf Ansätze von David Herzog, sofern nicht ausdrücklich anders festgestellt, ist lizenziert unter einer Creative Commons Attribution 4.0 International Lizenz.

Autor: David Herzog

Pirat, Humanist, Träumer, Designer, Menschenfreund. Auch hier zu Hause.

7 Kommentare

  1. Eine neue Kombination von Privatisierung und gleichzeitiger “Verstaatlichung” bringt nix neues…

  2. @Thommen: Wieso meinst du?

  3. Ähnliche Gedanken gingen mir auch schon durch den Kopf, allerdings eher vom Standpunkt der Finanzierung und der Unabhängigkeit der Medien aus betrachtet. Es ist ein offenes Geheimnis, dass besonders kritische Berichte über das eine oder andere Unternehmen, welches zugleich auch ein wichtiger Geldgeber (Werbekunde) ist, mindestens abgeschwächt werden und dass umgekehrt über Dinge berichtet wird, nur um einen (potentiellen) Geldgeber «werbefreudig» zu stimmen…

    Wo ich angestanden bin – beim Versuch, eine staatliche Finanzierung einmal zu Ende zu denken – ist die Verteilung einerseits (wer soll wieviel wofür erhalten?) und andererseits bei der Wertung und Sortierung dessen, was und worüber berichtet werden soll.

    Als Beispiel: Die Eskapaden einer Paris Hilton dürften zwar viele interessieren (und auch davon kann man investigativen Journalismus betreiben), aber eigentlich gäbe es wichtigere Themen, über die man (häufiger) berichten sollte/müsste…

  4. Das müsste man ähnlich lösen wie heute mit der SRG: Ein klarer Leistungsauftrag, aber redaktionelle Freiheit. Man wäre aber nicht mehr angewiesen darauf, ein Vollprogramm zu gestalten, und könnte den Leistungsauftrag entsprechend fokussieren auf politisch, gesellschaftlich, kulturell und wissenschaftlich relevante Themen. Innerhalb des Leistungsauftrages müssen die Redaktionen aber eigenständig entscheiden können, wie viel sie in welche Geschichte investieren.

  5. Hm, bin zwar ein Direktbetroffener, aber eine Bemerkung sei dennoch erlaubt:
    Soweit ich in 14 Jahren SRG resp. SF erlebt habe, ist der Leistungsauftrag, die redaktionelle Freiheit keinerlei Problem; das liegt an uns Medienmachern, diese redaktionelle Freiheit auch umzusetzen.
    Wo ich jedoch akuten Handlungsbedarf sähe – nebst einigen von David erwähnten Massnahmen – ist der direkte Kontakt zu den Medien- Konsumentinnen und -Konsumenten, sprich also zu den Kunden. Es gilt zu erklären, weshalb eben öffentlich- rechtliche Medien eine “bewahrenswerte” Aufgabe haben, die Geld kostet und nicht selbstverständlich ist.
    Und: Wie kommt es, dass ebendiese Konsumenten bisher doch erstaunlich zurückhaltend auf ihren per Konzession und Programmauftrag vorhandenen Informations- und Unterhaltungsanspruch gepocht haben?

  6. Da kann ich dir nur beipflichten, André.
    Und auf die berechtigte Frage habe ich leider auch gerade keine Antwort. Ich denke eigentlich, dass das Mobilisierungspotenzial vorhanden wäre, wenn sich eine Partei/Gruppe klug engagieren würde – und eben auch neue Lösungen vorschlagen würde.

  7. Pingback: Vorsicht, Musikschaffende! (Fortsetzung) | Substanz

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