Substanzielles aus der Sicht eines Piraten

Die Meinungs- und Informationsfreiheit für Bezahlmedien ist gewährleistet.

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Aus der schweizerischen Bundesverfassung, Artikel 16:

  1. Die Meinungs- und Informationsfreiheit ist gewährleistet.
  2. Jede Person hat das Recht, ihre Meinung frei zu bilden und sie ungehindert zu äussern und zu verbreiten.
  3. Jede Person hat das Recht, Informationen frei zu empfangen, aus allgemein zugänglichen Quellen zu beschaffen und zu verbreiten.

Dass Journalisten angesichts des Abflusses der Anzeigenkunden ins Internet und der Gratisangebote als Pendlerzeitungen und im Internet Angst um ihren Job haben, ist verständlich. Dass sie sich Sorgen um die Demokratie machen, wenn Qualitätsjournalismus aus den bisherigen Geldquellen kaum mehr finanziert werden kann, ist ebenfalls keine Überraschung. Dass es aber Journalisten und Soziologen gibt, die glauben, zur Rettung der Demokratie (oder bloss ihrer Arbeitsstelle?) müsse man «die Gratis-Angebote auf Holz und Online eliminieren», das ist an Absurdität kaum zu überbieten. Denn damit machen sie die verfassungsmässige Meinungs- und Informationsfreiheit zur verhandelbaren Masse. Sie glauben bestimmen zu können, wie diese Informationsfreiheit genutzt wird, und wie nicht. Sie meinen, die Informationsfreiheit beinhalte das Recht, ein durch staatliche Subventionen (für kooperative Verlage) oder Strafzahlungen (für nicht kooperative Verlage) gestütztes Informationskartell zu errichten.

Aus den Diskussionen mit einem SonntagsZeitungs-Journalisten mit dem Pseudonym Bobby California und mit Soziologe Kurt Imhof kann man folgendes Fazit ziehen (das in Bobbys Blog leider unerwünscht ist und aus den Kommentaren gelöscht wird):

Wer von Artikel 16.2 der Bundesverfassung Gebrauch macht, betreibt mitunter «Bewirtschaftung von Emotionen und Desinformation», die «massive Parlamentsmehrheiten einfach umkehrt», er «bedroht die Meinungsfreiheit», verachtet die geistige Arbeit, betreibt «Selbstkannibalisierung», ist «schädlich» wie die Atomkraft, und führt «in die katastrophal falsche Richtung», nämlich zum Ende der aufgeklärten Gesellschaft mündiger Staatsbürger, ergo zum Ende der Demokratie.

Wer von Artikel 16.3 der Bundesverfassung Gebrauch macht, ist ein «Content-Dieb», der Arbeitsplätze, den Journalismus insgesamt und mit ihm die Gesellschaft zerstört, und dies einzig und allein um ein paar Franken zu sparen, weil er dem «stumpfsinnigen Steinzeit-Materialismus» verfallen ist. Sonst hat er vom Gebrauch dieses Verfassungsartikels ja keinen Vorteil.

Und wer das anders sieht, macht einen «Denkfehler».

Creative Commons-Lizenz
Die Meinungs- und Informationsfreiheit für Bezahlmedien ist gewährleistet. von David Herzog, sofern nicht ausdrücklich anders festgestellt, ist lizenziert unter einer Creative Commons Attribution 4.0 International Lizenz.

Autor: David Herzog

Pirat, Humanist, Träumer, Designer, Menschenfreund. Auch hier zu Hause.

101 Kommentare

  1. Ich denke, man kann den Artikel 16.2 schon im Sinne von Imhof lesen. »Jede Person hat das Recht, ihre Meinung frei zu bilden« – das heißt m.E., dass die nötige Information zur Meinungsbildung vorhanden sein muss. Sollte nun eine Verzerrung der Information eintreten (z.B. durch den verstärkten Einfluss von PR auf redaktionelle Inhalte in Gratiszeitungen), dann heißt das natürlich nicht, dass Gratiszeitungen verboten werden müssen. Aber es könnte heißen, dass Gratiszeitungen es erschweren, sich eine Meinung »frei« (hier verstanden als: frei vom unsichtbaren Einfluss der Werbung oder von Lobbys) zu bilden. Und daraus könnte sich schon ein für die Demokratie relevantes Problem ergeben.

  2. Ich denke nicht, dass 20 Minuten ein so viel grösseres Problem für die Demokratie ist als das Migros-Magazin und Konsorten. Und insbesondere beim Internet könnte es auch sein, dass die «freie Meinungsbildung» erleichtert wird. Und selbst wenn: Das Recht, seine Meinung ungehindert zu äussern und zu verbreiten, kann nicht zugunsten einer vermuteten Verbesserung der Meinungsbildung eingeschränkt werden, indem staatlich abgesegnete Informationskartelle installiert werden. Ich finde eine solche Lesart definitiv nicht statthaft.

    Das relevanteste Problem für die Meinungsbildung und die Demokratie ist meines Erachtens mangelnde politische Grundbildung. Dieses Problem sollte in der Schule gelöst werden.

  3. Zitat: “Ich denke nicht, dass 20 Minuten ein so viel grösseres Problem für die Demokratie ist als das Migros-Magazin und Konsorten. ”

    Einverstanden.

    Weil ich bei Bobby drüben nicht diskutieren will (habe ich vor Monaten aufgegeben), möchte ich ein paar Diskussionspunkte hierher zügeln:

    - Freies Kopieren von Werken von Künstlern
    - Staatliche Subvention von Künstlern, deren Werke gratis kopiert und verbreitet werden

    Es ist eine zu einfache Lösung, die totale Freiheit zu fordern und dann den Staat bemühen zu wollen, wenn Musiker und Autoren überhaupt kein Einkommen aus ihren Werken mehr haben. Als Autorin möchte ich meine Unabhängigkeit – auch vom Staat. Die Einnahmen aus meinen Büchern und Lesungen ermöglichen mir das, wobei die Einnahmen aus dem Bücherverkauf den kleineren Teil meines Einkommens ausmachen. Der grössere Teil kommt jetzt schon durch Lesungen zustande. Nur: Nicht jeder Autor, nicht jede Musikerin hat genügend Auftritte (zu Gagen, die einen Lebensunterhalt notwendig machen). Wir sind auf die Einnahmen aus unseren Werken (Bücher / CDs) ebenfalls angewiesen. Wer das freie Kopieren propagiert, nimmt uns diese Einkommensmöglichkeiten und entwertet damit unsere Werke. Über das Argument: Ein Künstler macht Kunst um der Kunst Willen kann ich mich kranklachen. Und ein Bäcker backt Brötchen um der Brötchen Willen? Ein Schreiner macht einen Schrank um des Schrankes Willen? Die Wahrheit ist: Viele Berufsleute machen ihre Arbeit um der Arbeit willen (weil sie ihnen gefällt) – aber auch, um davon leben zu können. Ich auch. Ich will kein Einkommen vom Staat. Ich will ein Einkommen, das ich mir verdiene. Das ist MEINE Freiheit. Möglich, dass ihr eine andere Definition von Freiheit habt – aber lasst mir als Autorin meine.

    Insofern verstehe ich – für ein Mal – sogar Bobby California, wenn er sich vehement für seinen Berufsstand wehrt (ich mag einfach seine oft beleidigende Wortwahl nicht!). Auch ein Journalist muss am Ende des Tages seine Miete bezahlen und das Essen auf dem Tisch stehen haben. Sprich: Er braucht ein Einkommen. So ist das nun mal in unserer Gesellschaft – sie auf dem Buckel von Journalisten, Musikern, Autoren, Malern usw. ändern zu wollen, ist eine Anmassung einer gratis-ist-geil-Generation, die ich zum Brüllen finde.

    Gratiscontent ist im Moment nur mit sehr viel Werbung zu haben (auf dem Online-Tagi kommt immer häufiger erst ein bildschirmgrosses Inserat und dann der Inhalt). Selbst wenn die Berichte der Online-Medien unabhängig sind, muss ich mich von penetranter Werbung erschlagen lassen, bevor ich zum Inhalt komme. Bei der Bezahlzeitung kann ich einfach über die Inserate hinweglesen. Ich wäre auch bereit, für Online-Content zu bezahlen, wenn dafür die aggressive Werbung zurückgefahren würde. In meiner Familie kaufen alle (auch der Nachwuchs!!!) Tonträger und Bücher. Es ist noch niemand von uns finanziell erstickt dabei (nicht einmal die Kinder, als sie noch vom Taschengeld leben mussten – auch heute nicht, da sie vom Lehrlingslohn leben; ist alles eine Frage des Setzens von Prioritäten).

    Meine Abschlussfrage: Warum muss alles gratis sein? Warum nicht bezahlen für Inhalt? Und – um Bobby grad nochmals recht zu geben – das Abo einer Tageszeitung kostet nicht alle Welt (verlgeicht die Kosten doch mal mit euren Zigaretten, eurem täglichen Cappuccino, eurer Handyrechnung).

    Um Davids Votum aufzunehmen: Die Jugendlichen bekommen eine politische Grundbildung. Fakt ist, dass sich viele nicht gross dafür interressieren. Über die Gründe könnte man an anderer Stelle einmal nachdenken. Und vielleicht sollte unsere Gesellschaft auch einmal über dieses Immer-billiger, Alles-gratis nachdenken. Nicht nur von Künstlern und Journalisten, sondern ganz generell.

  4. Ich will unter keinen Umständen das Recht auf freie Meinungsäußerung einschränken – sehe aber nicht ganz ein, warum der Staat als Akteur in der Medienbranche dies täte. Ich bin auch nicht sicher, ob der Staat nur so handeln kann, dass »Informationskartelle« entstehen.
    Ich bin aber sicher, dass der Markt alleine keine optimale (=freie) Meinungsbildung ermöglichen kann.
    Bezüglich der Coop- und Migros-Zeitung gebe ich dir gerne Recht – mein Gefühl sagt mir aber, dass der Einfluss der PR dort für die Leserschaft transparenter ist als bei den scheinbar redaktionellen PR-Artikeln in 20Min. und BaA.

    [@Alice: Ich werde noch immer die Meinung vertreten, dass KünstlerInnen Kunst um der Kunst willen machen. Wenn Kunst ein Bedürfnis befriedigt wie ein Brötchen - dann handelt es sich für mich nicht um Kunst. Wenn das nämlich so wäre, würden alle Künstler die Brötchen backen, die dem Publikum am besten schmecken. Nun werden diese Brötchen durch die Kulturindustrie schon ganz von alleine gebacken, weil man damit Geld verdienen kann. Ich bleibe dabei: Es muss in einer Gesellschaft KünstlerInnen geben und sie müssen ein Auskommen finden - aber nicht notwendigerweise über die Mechanismen des Kapitalismus.]

  5. @Alice: Danke für den Beitrag. Ich weiss das zu schätzen und werde das nicht einfach als “Quatsch” oder “Denkfehler” abtun, wie das Bobby zu tun pflegt. Ich finde deine Haltung grundsätzlich auch legitim, aber meines Erachtens nicht zukunftsweisend.

    1. Ich würde die Situation des Journalismus mal getrennt vom Buchhandel und von der Musik betrachten. Beim Journalismus ist es ja so, dass die Verleger die Texte voll und ganz freiwillig gratis ins Internet stellen und von Google durchsuchen lassen. Das ist Teil ihrer wirtschaftlichen Freiheit. Niemand sagt ihnen, dass sie das zu tun haben. Sie können auch werbefreie Zugänge anbieten. Artikel, die nicht gratis zugänglich gemacht werden, werden in aller Regel auch nicht unauthorisiert verteilt. Man findet keine “raubkopierten” Weltwoche-Artikel im Netz. Darum ist es falsch, den Kunden die Schuld in die Schuhe zu schieben.

    2. Imhof gibt nicht den Kunden, sondern den Verlegern die Schuld. Er sieht die Gratis-News (auch Pendlerzeitungen) als Übel und möchte sie eliminieren. Und zwar – da es ja immer einen Verlag gibt, für den es sich lohnt, die News gratis ins Internet zu stellen – mit staatlichen Eingriffen. Da ist die Freiheit, die du dir wünscht, eben zu Ende. Ob der Staat nun mit massiven Eingriffen in den Wettbewerb ein Kartell installiert, oder ob er den Journalisten direkt den Lohn zahlt, hat für die Freiheit der Journalisten etwa den gleichen Effekt. Beides ist eine geschützte Werkstatt. Jedoch könnte ein solches Kartell vom Ausland her problemlos umgangen werden, ausser man würde eine Internetzensur nach chinesischer Art installieren. Es wäre schlicht wirkungslos. Man muss sich entscheiden: Entweder will man den freien Markt, und dann gelten die Regeln des freien Marktes mit allen Vor- und Nachteilen, oder dann will man staatlich finanziell gesicherten Journalismus, der ja bei der SRG auch nicht so schlecht funktioniert, und gibt dafür gewisse Freiheiten auf. Aber den Fünfer und das Weggli gibt es nicht.

    3. Es ist ein grosses Bedürfnis der Kunden, Artikel weiterempfehlen und auf persönliche Art aggregieren zu können. Diese Kundenbedürfnisse zu ignorieren, scheint mir keine erfolgsversprechende Strategie zu sein.

    4. Bei Büchern wäre das Potenzial für Filesharing vorhanden, sobald Reader mit optimierten Bildschirmen weit verbreitet sind. Aber Bücher sind ein langsames Medium, da nimmt man auch Zugangshürden in Kauf. Ausserdem gibt es für Bücher bereits das System der Bibliotheken, das einen niederschwelligen Zugang ermöglicht. Zumindest bei Belletristik hätte ich keine Angst um die Autoren. Um die Buchhandlungen hingegen schon, und ob Sachbücher ein zukunftsträchtiges Medium sind, habe ich meine Zweifel. Ist halt so, dass man sich Informationen aus dem Internet holt. Entweder man passt sich an, oder man geht unter. Die Wagner mussten auch umlernen.

    5. Ich propagiere das freie Kopieren nicht, aber ich propagiere auch nicht den Verzicht auf freies Kopieren. Ich mache daraus keine moralische Frage. Entweder können Kulturschaffende ihre Kunden dazu animieren, ihnen etwas zu bezahlen, oder dann halt nicht. Ein Softwareentwickler kann auch nicht sagen, Software darf nicht gratis sein, sonst kann ich nicht davon leben. Es gibt Millionen von Gratisprogrammen im Internet. Entweder ich finde als Softwareentwickler einen Dreh, wie ich die Leute zum Zahlen animieren kann, oder ich muss halt ein anderes Einkommen finden. Aber nie käme es einem Softwareentwickler in den Sinn, die User oder andere Softwareentwickler für mangelnde Einkünfte verantwortlich zu machen.

    6. Zu deiner Abschlussfrage: Ich bin nicht gegen Zahlen. Ich zahle oft für Inhalte oder Musik. Und ich freue mich auch, wenn ich geflattert werde. Aber ich teile gerne Dinge, die ich toll finde. Und ich finde es toll, auf die besten Texte im ganzen deutschsprachigen Raum aufmerksam gemacht werden zu können, und unkompliziert Zugang zu ihnen zu erhalten. Und ich weigere mich, deswegen ein schlechtes Gewissen zu haben. Der Mensch funktioniert so, dass er Kultur teilt. Es ist absurd, dies kriminalisieren zu wollen.

    7. Die politische Grundbildung finde ich zumindest an Zürcher Schulen katastrophal schlecht.

    8. Auch dieses generelle “Immer-billiger, Alles-gratis” würde ich nicht zu einer moralischen Frage machen. Wenn ein Anbieter und ein Kunde sich einig werden, dann hat sich da niemand einzumischen. Die Alternative ist Sozialismus.

  6. @Philippe: “Optimale freie Meinungsbildung” gibt es nicht, bzw. wäre erst dann hergestellt, wenn wir uns um nichts anderes mehr kümmern müssten. Wir müssen uns mit suboptimaler Meinungsbildung begnügen, denn von irgendetwas müssen wir auch noch leben. Und vielleicht haben wir noch weitere Bedürfnisse. Es ist also eine persönliche und politische Frage, wie viel Wert uns eine freie Meinungsbildung ist. Ich finde auch, dass es ein legitimes Interesse der Gemeinschaft gibt, gewisse kulturelle und journalistische Leistungen solidarisch (also über Steuergelder) zu finanzieren. Das ist ja auch nichts Neues. Da braucht es bloss ein paar Anpassungen.

    Wie soll eine “Eliminierung von Gratis-Angeboten auf Holz und online” ohne massive Staatseingriffe und einem Informationskartell durchsetzbar sein?

  7. Zu 1: Einverstanden. Wobei ich finde, die Verleger haben sich da ein ziemlich tiefes Loch geschaufelt
    Zu 2: Verleger: Siehe Punkt 1. Zum freien Markt: Er wird uns, so wie er sich uns heute präsentiert, geradewegs über die Kante führen. Und dann beginnen wir halt wieder von vorn (falls es uns nach dem Absturz noch gibt).
    Zu 3: Kommt auf die Art an, wie man das macht. Wenn es einen Link gibt: okay. Einfach so den ganzen Inhalt zu kopieren und zu verbreiten … da ist für mich eine Grenze.
    Zu 4: Ja, man passt sich an oder geht unter. Ich werde ehrenvoll untergehen. Und dann – wenn alles kaputt ist – nochmals von vorne anfangen. Siehe Punkt 2.
    Zu 5: Es wird immer welche geben, die alles gratis anbieten. Ich bin keine Animierdame. Es wird der Punkt kommen, an dem mir das alles zu blöd wird und ich mein Geld wieder mit einer Arbeit verdienen werde, für die ich bezahlt werde. Dann schreibe ich meine Geschichten halt nur noch für mich. Mir auch egal. Für die Menschheit ist mein Einzelfall keine Tragödie. Würden alle Künstler so denken, wäre die Welt ein öder Ort.
    Zu 6: Kultur teilen ist nett (Achtung: Ironie). Ob der Kulturschaffende dabei vor die Hunde geht, muss ja nicht interessieren. Hauptsache, man kann – gratis oder billig – konsumieren.
    Zu 8. WENN sie sich einig werden. Falls der Kunde aber abstaubt, ob es dem Künstler passt oder nicht, guckt einer der beiden ein. Der Kunde ist es nicht. Auf die ganze Gesellschaft übertragen: Wenn ein Anbieter, der die Preise seiner Lieferanten und Arbeitgeber drückt, mit dem Kunden auf einem billigeren Preisniveau einig wird als es für Lieferanten und Angestellte gut ist, gucken recht viele ein. Der Anbieter und die Kunden sind es – noch – nicht. Das ist für mich kaputtester Kapitalismus. Auch nicht wirklich eine Alternative.

  8. Zu 2: Ich habe den Glauben an die Menschen noch nicht verloren, dass sie auf Veränderungen angemessen reagieren können. Es wäre keine grosse Sache, statt den Sportübertragungsrechten und Unterhaltungsshows investigativen Journalismus mit Gebühren-/Steuergeldern zu finanzieren. Es ist eine Frage des politischen Willens. Hingegen würde es uns meines Erachtens näher zum Absturz bringen, wenn wir die Informationsfreiheit dem Überleben der Journalisten opfern würden.
    Zu 3: Das Bedürfnis kennt keine Moral. Man muss nicht jedem Bedürfnis nachgeben, klar, aber heute wird so getan, als gäbe es das Bedürfnis nicht, und das ist eine denkbar schlechte Ausgangslage, um zukunftsfähige Lösungen zu finden.
    Zu 4: Denkst du denn wirklich, du erleidest Einbussen aufgrund des Internets? Paulo Coelho publiziert alle seine Bücher gratis im Internet. Er ist deswegen bestimmt nicht ärmer geworden. Was auf Coelho zutrifft, muss nicht auf alle Autoren zutreffen, aber der angebliche Kausalzusammenhang, dass Gratiskopien den Verkauf schmälern, den gibt es nicht.
    Zu 5: Ja, wenn alle Künstler so denken würden, hätte es auch keinen Mozart und keinen Goethe gegeben, und es gäbe keine afrikanische Musik. Ich habe aber keine Angst, dass die Kultur ohne Urheberrecht untergehen würde.
    Zu 6: Danke für den Ironie-Hinweis, ich verstehe die Ironie hier nämlich nicht. Natürlich interessiert das Überleben des Kulturschaffenden. Trotzdem nehme ich niemandem etwas weg, wenn ich etwas teile. Genausowenig, wie wenn ich mit Freunden Musik höre, obwohl nur jemand die CD gekauft hat. Wieso soll es, wenn man das Gleiche übers Internet macht, plötzlich dem Kulturschaffenden etwas wegnehmen?
    Zu 8: Wie kann der Anbieter “den Preis drücken”? Solange es keine Kartelle und Monopole gibt und sich alle an die rechtlichen Bedingungen halten, ist das der freie Markt. Soll der Staat bei jedem Handel mitreden? Glaubst du wirklich noch an den Sozialismus?
    Wenn man den Kapitalismus entschärfen und die Ausnutzung von Menschen verhindern will, kann man das über ein bedingungsloses Grundeinkommen tun. Aber Sozialismus? Nein, davon erwarte ich gar nichts.

  9. Wenn es um eine »Eliminierung« geht, gebe ich dir natürlich Recht. Das ist aber für mich ein so abstruser und gefährlicher Gedankengang, dass ich ihn gar nicht erst in Betracht gezogen habe. Ich verstehe nun aber, was du meinst.

  10. Zu 4: Es gibt immer ein paar, bei denen es funktioniert. Cohuelo zum Beispiel funktioniert aufgrund einer GIGANTISCHEN PR- und Werbestrategie.
    Zu 6: Weil dein Freundeskreis beim CD hören sich auf ein paar wenige beschränkt. Im Internet bedienen sich Tausende und mehr. Da bleibe ich dabei: du teilst auf Kosten der Kulturschaffenden.
    Zu 8:
    Zum “Preisdrücken”. Ich bekomme im Verlagswesen mit, was grosse Buchhändler aus den Verlagen herauspressen und habe keine Illusionen: Die kleinere Gewinnmarche wird früher oder später uns Autoren treffen (und unsere Tantiemen noch ein paar Runden tiefer sinken lassen – von sehr wenig bis noch viel weniger als sehr wenig).
    Woran ich glaube: An nichts mehr. Auf jeden Fall an nichts mehr in Politik und Wirtschaft. Ich glaube nur noch an ganz persönliche Beziehungen wie Familie und Freunde. Und die damit verbundenen Gefühle und Werte.
    Woran ich gerne glauben würde: An eine soziale Marktwirtschaft, die ihren Rahmen durchaus in einer gewissen Regulation hat und auch haben darf.
    Zum Grundeinkommen: Mit der Mentalität von heute nicht zu vereinbaren. Ich dachte, das Grundeinkommen könnte ein möglicher Weg sein. Mittlerweile glaube ich auch daran nicht mehr.

  11. Zu 6: Man könnte auch von der anderen Seite her untersuchen: Geben wir heute weniger für Kultur aus als vor 10 Jahren? Meine Erfahrung ist, dass das persönliche Kulturbudget nicht kleiner geworden ist. Man lädt sich zwar viele Dinge gratis vom Internet herunter. Aber entweder hätte man sich dieses Gut früher gar nicht erworben – niemand hätte die zehntausenden Lieder, die er auf dem iPod hat, jemals gekauft. Oder man gibt das eingesparte Geld für andere kulturelle Güter, z.B. Konzerte oder Lesungen, aus. Ohne das Filesharing hätten die Konzerttickets kaum so teuer werden können.
    Ich bleibe dabei: Ich teile nicht auf Kosten der Kulturschaffenden, denn ich würde nicht mehr für Kultur ausgeben als heute, wenn es das Internet nicht gäbe. Ich wäre ärmer (an Kultur), aber die Kulturschaffenden wären deswegen nicht reicher.

    Zu 8: Marktwirtschaft darf schon reguliert sein. Spielregeln ja, Preisdiktat nein. Ein Preisdiktat ist auch nur in einem abgeschotteten Markt möglich. Ich finde Direktzahlungen die bessere Variante als Marktabschottung und regulierte Preise.

    Zum Grundeinkommen: Nicht so schnell aufgeben. Es wird in den nächsten 10 Jahren nicht kommen, das ist mir auch klar, es ist tatsächlich ein Mentalitätswandel, der sich vollziehen muss. Aber wenn ich die Alternativen anschaue, von der Einschränkung der Informationsfreiheit bis zum 1000-Franken-Job-Parallelarbeitsmarkt, dann denke ich, dass sich die Idee durchsetzen wird.

    @Philippe: Ja, es geht den Leuten tatsächlich um eine Elimination. Die Kriminalisierung von Filesharern finde ich aber genauso falsch.

  12. Zu 8: Ich bin auch nicht für Preisdiktate. Ich bin nicht einmal für die Buchpreisbindung. Aber ich sehe, dass unsere Gesellschaft das Mass für Preise verloren hat. Am liebsten hätte sie alles für so wenig Geld wie möglich, möchte gleichzeitg so viel wie möglich verdienen und Qualität hätte sie am liebsten auch noch zum Nulltarif. Das kann einfach nicht funktionieren (wie stillgelegte Flughäfen und ausgefallene oder extrem verspätete Züge gerade wieder gezeigt haben). In den USA sind sie soweit, dass ihnen die alltägliche Infrastruktur zusammenfällt, weil sie zwar alle nutzen, aber niemand für sie bezahlen möchte. Auch bei uns in Europa wird es eine Frage der Zeit sein, bis wir diesen Punkt erreicht haben. Deshalb denke ich, dass sich unser Fall nicht mehr bremsen lässt und wir ziemlich hart aufschlagen werden. Vorher geht nichts. Und nachher werden wir kein Geld mehr haben für das Grundeinkommen. Die einzige Möglichkeit ist ein Umdenken. Und da sehe ich nur noch den Weg der ganz kleinen Schritte im kleinen, persönlichen Rahmen.

    Zur Einschränkung der Informationsfreiheit: Bitte nicht verwechseln mit “ich darf alles überall kopieren und weiterverbreiten”.

  13. Was geschieht denn mit dem Geld, das man mit dieser (angeblichen?) Geiz-ist-geil-Mentalität einspart? Dieses Geld geht ja nicht verloren. Entweder man gibt es für etwas anderes aus. Hat es dessen Anbieter weniger verdient? Oder man spart das Geld. Dann haben wir es aber noch und können es für ein Grundeinkommen oder für Investitionen in die Infrastruktur einsetzen.
    Ich denke nicht, dass wir einen generellen Investitionsstau haben. Die grossen, wichtigen Investitionen werden ja vom Staat gemacht. Gerade mit den Konjunkturpaketen wurde sehr viel Investition in Infrastruktur vorgezogen. Mit dem Konsumverhalten hat das aber meines Erachtens sowieso nichts zu tun. Denkst du, wenn man nicht die günstigsten Flugtickets kaufen würde, hätten die Flughäfen den Betrieb aufrecht erhalten können?
    Vielleicht ist es ein Problem, dass gewisse private Unternehmen mehr auf kurzfristigen Profit statt auf langfristigen Erfolg schauen. Das hat aber weder etwas mit dem Konsumverhalten noch etwas mit öffentlichen Investitionen zu tun, sondern liegt in der Verantwortung der Managergilde und der Grossaktionäre, also einer kleinen Gruppe von Menschen. Und generalisieren würde ich das Problem nicht.
    Bezüglich Konsumverhalten finde ich eher, wir sollten noch stärker auf die Preise schauen. Wieso ist die Schweiz eine Hochpreisinsel? Wieso sind die gleichen Produkte in der Schweiz viel teurer als im benachbarten Ausland? Wer profitiert davon? Ohne Preisdruck durch die Konsumenten wird oben einfach umso mehr abgesahnt. Ich habe nichts dagegen, dass für Qualität etwas bezahlt wird. Aber einfach mehr zahlen und dann darauf vertrauen, dass das Geld dann schon in die Qualität investiert wird – ich denke nicht, dass das funktioniert. Ausser, und da gebe ich dir recht, im kleinen persönlichen Rahmen. Dort herrscht soziale Kontrolle und man kann abschätzen, ob ein Vertrauensvorschuss ausgenutzt würde oder nicht. Aber die Wirtschaft funktioniert nun mal nicht bloss im kleinen Rahmen.

    Aber da sind wir etwas weit vom Thema abgekommen.

    “Zur Einschränkung der Informationsfreiheit: Bitte nicht verwechseln mit “ich darf alles überall kopieren und weiterverbreiten”.”
    Nein, das meine ich nicht mit Einschränkung der Informationsfreiheit. Das heutige Recht ist zwar nicht gut, aber akzeptabel. Aber Imhof will unterbinden, dass Rechtsinhaber die eigenen Texte gratis weiterverbreiten. Das meine ich mit Einschränkung der Informationsfreiheit.

  14. Vielleicht noch als Ergänzung:
    Wenn ich in einer Buchhandlung dein Buch kaufen würde: Wer garantiert mir, dass, wenn ich einen höheren Preis zahle, mehr bei der Autorin ankommt, und sich nicht einfach ein paar Verlagsmanager eine goldene Nase verdienen? Gerade hier liegt aber die Chance im Internet: Es ermöglicht bzw. vereinfacht den direkten Kontakt zwischen Kulturschaffenden und Kunden (oder sagt man Rezipienten?). Ich zahle lieber wenig bis nichts für das Buch, und spende das Geld direkt der Autorin. Dann weiss ich wenigstens, dass es am richtigen Ort ankommt. Das ist eine grosse Chance! Kulturschaffende werden dadurch unabhängiger von Verlagen. Das ist ein Problem für die Verlage, aber nicht für die Kultur und die Kulturschaffenden.

  15. @David
    Zitat: “Vielleicht ist es ein Problem, dass gewisse private Unternehmen mehr auf kurzfristigen Profit statt auf langfristigen Erfolg schauen. Das hat aber weder etwas mit dem Konsumverhalten noch etwas mit öffentlichen Investitionen zu tun, sondern liegt in der Verantwortung der Managergilde und der Grossaktionäre, also einer kleinen Gruppe von Menschen. Und generalisieren würde ich das Problem nicht.”

    Nein, dieses Problem verursachen wir ALLE. Wir sind alle ein Teil davon und machen mit. Es auf ein paar Manager und Grossaktionäre zu schieben ist mir zu billig.

    Wieso wir eine Hochpreisinsel sind? Hast du dir mal mit die Löhne von deutschen, italienischen, spanischen usw. Verkäuferinnen (oder generell Angestellten) angesehen? Hast du mitbekommen, wie gruusig der Schinken / Sirup usw. sind, die wir jetzt dank des Cassis de Djon Prinzips einführen? Ich bezahle gerne für Qualität. Und es liegt in meiner Verantwortung, mir anzusehen, woher die Produkte stammen, die ich kaufe.

    Hier eine Episode am Rande: Ich brauchte neue Bergschuhe und war bereit, für gute Schuhe gutes Geld in die Finger zu nehmen. Also ging ich ins Fachgeschäft. Auf den meisten (sack)teuren Schuhen stand “Made in China”. Wo da das Geld hinfliesst, ist auch klar … (sicher nicht zur Arbeiterin in der chinesischen Fabrik.”). Ich hätte kotzen können. Einzige Möglichkeit: Der private Boykott solcher Produkte. Ich bin damit ein Glied in der Kette. Diese Kette braucht viele Glieder. Menschen, die nachdenken und bewusst konsumieren. Mensche, die Verantwortung übernehmen und sie nicht auf ein paar Manager und Aktionäre schieben. Bekanntlich gibt es in der CH immer noch mehr “Fussvolk” als Manager und Aktionäre. Aber solange Menschen bei Aldi Schlange stehen, weil es wieder einmal ein technisches Gerät für einen lachhaft kleinen Preis zu kaufen gibt, ändert sich nichts. Im Gegenteil. Die Schlange gilt Beweis für das Bedürfnis, weshalb die Preisspirale nach unten gedreht wird. Dass die Arbeiterin in Vietnam mit ihrem Lohn ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten kann … tja … dumm gelaufen. Hauptsache billig.

    Womit wir bei meinem Buch sind. Nein, ein höherer Preis garantiert hier gar nichts. Ich bekomme mein Honorar als Prozentsatz auf den DEUTSCHEN Ladenpreis (weil ich bei einem deutschen Verlag veröffentliche). Selbst wenn das Buch in der CH fast doppelt so teuer ist wie in Deutschland, bekomme ich immer noch meine Prozente auf den deutschen Preis. Für mich geht das in Ordnung solange a) die CH Verkäuferinnen besser bezahlt sind als in Deutschland b) die Ladenmiete höher ist als in Deutschland und c) der Aufpreis nicht himmelschreiend ungerecht ist, sondern a) und b) abdeckt plus die Unkosten, die das Liefern der Bücher in die Schweiz mit sich bringt.

    Zitat: “Ich zahle lieber wenig bis nichts für das Buch, und spende das Geld direkt der Autorin. Dann weiss ich wenigstens, dass es am richtigen Ort ankommt. ”

    Danke, aber ich werde ich lieber von einem Verlag unterstützt und getragen, als mich nackt vor die Leute zu stellen, ihnen zuzusehen, wie sie mich taxieren und mir dann ihre Spende ins Kässeli oder den Hut legen, das sie auszugeben bereit sind. Denn: Stell dir vor: Das Geld kommt auch beim Verlag an den richtigen Ort, denn der Verlag stellt mir kostenlos eine Lektorin, einen Grafiker, einen Drucker, einen Marketingexperten, einen Verlagsvertreter, der für mich die Buchläden in drei Ländern besucht, ein Vertriebssystem usw.

    Unabhänigkeit ist ein schönes Wort. Ich kenne viele Musiker und weiss, was hinter diesem niedlichen Wort steckt. Noch sind wir Autoren nicht in der Lage der Musiker. Noch. Aber ich habe keine Illusionen. Wenn wir erst mal dort sind, wo die Musikindustrie heute ist, MUSS ich mir einen Brotjob suchen, damit ich mir mein Schreiben finanzieren kann. Denn von der Abhängigkeit von Verlagen in die Abhängigkeit von milden Gabenspendern zu schlittern ist so ähnlich wie vom Regen in die Traufe zu kommen.

  16. Ja, Produktequalität darf ihren Preis haben, und nachgewiesener fairer Handel oder tiergerechte Produktion auch. Ich teile die Einschätzung nicht, dass solche Dinge von den Konsumenten nicht honoriert werden. Aber wenn die Elmex hier einfach 50 % oder weissnichtwieviel teurer ist, dann verdienen sich manche einfach eine goldene Nase. Das ist nicht bloss der Lohn der Verkäuferin. Und dass man als Konsument auf nachhaltige Infrastrukturinvestitionen Einfluss hätte, daran glaube ich nicht. Entweder wird mir eine Zusatzleistung nachgewiesen, oder ich kaufe das günstigere Produkt.

    Zu den Schuhen: Klar sind die Bedingungen in chinesischen Fabriken katastrophal. Aber: Die Arbeiterinnen sind freiwillig da. Ihre Alternativen, die sie haben, sind alle noch schlechter. Indem du keine chinesischen Produkte kaufst, hilfst du der Arbeiterin sicher nicht. Immerhin steigen die Löhne in China jährlich zweistellig, und der Mittelstand wächst. Daher würde ich Wanderschuhe Made in China nicht generell ablehnen. Sich bei den Herstellern über die Arbeitsbedingungen zu erkundigen und dann ein Produkt mit besseren Arbeitsbedingungen wählen ist aber sicher eine gute Sache. Aber ein teurerer Produktepreis ist keinerlei Indiz für bessere Arbeitsbedingungen in Vietnam oder sonstwo.

    Wenn dein Buch in der Schweiz 100 % teurer ist als in Deutschland, dann ist das nur bei einer sehr guten Verkaufsberatung gerechtfertigt. Wenn ich die nicht brauche, wieso soll ich einen solchen Preis bezahlen? Wieso soll ich es nicht zum günstigsten Preis online kaufen?

    “Danke, aber ich werde ich lieber von einem Verlag unterstützt und getragen, als mich nackt vor die Leute zu stellen, ihnen zuzusehen, wie sie mich taxieren und mir dann ihre Spende ins Kässeli oder den Hut legen, das sie auszugeben bereit sind.”
    Wer spricht denn von nackt? Bei Lesungen fühlst du dich doch auch nicht nackt?
    Aber ok, ich verstehe, dass dir der Verlag Sicherheit, Knowhow und ein Netzwerk bietet. Ich wollte einfach sagen, dass man als Konsument gerne weiss, wohin das Geld fliesst. Nur so kann man als Konsument ein Stück Verantwortung übernehmen. Das Internet böte die Chance, diese Transparenz (nicht Nacktheit) herzustellen und damit Verständnis zu schaffen, und auch die Produkte direkter statt über x Zwischenhändler zu vertreiben.

  17. Zu den Schuhen: Da sahnt mir der Zwischenhandel, die Firma zu viel ab. Zu Produkten aus China habe ich ein sehr zwiespältiges Verhältnis, da auch in Richtung deiner Argumentation tendiere. Wenn aber die Diskepanz zwischen Lohn und Produktekosten monströs ist und ich nur für den Labelnamen bezahle, sehe ich mich anderweitig um.

    Du kannst mein Buch (alle Bücher, was auch immer) gerne online kaufen. Ich gehöre zu jenen Leuten, die die realen Läden vorziehen. Weshalb ich meine Bücher im lokalen Buchladen (oder unterwegs in anderen Buchläden) kaufe. Mir graut vor dem Tag, an dem es nur noch den Ex Libris gibt (falls überhaupt) und ich nicht mehr in einem dieser gemütlichen Buchläden stöbern kann.

    Nein, ich fühle mich bei Lesungen nicht nackt. Weil ich genau weiss, welches Honorar ich dafür bezahlt bekomme, weil der Veranstalter und ich die Bedingungen ausgehandelt und festgelegt haben – und ich dann in diesem sicheren Rahmen mein Bestes gebe. Ich würde mich nicht auf eine Lesung einlassen, in der am Ende der Veranstaltung jeder etwas in einen Hut wirft und ich dann diese Einnahmen bekomme. Ein anderes Beispiel: Ich kaufe gerne Bilder. Aber nicht von Künstlern, die mir sagen: Gib mir einfach, was du denkst, dass das Bild wert ist. Sondern von jenen, die selbstbewusst genug sind, für ihre Werke einen Preis zu fordern, der dem Werk entspricht. Ich kaufe auch nie zum “Freundschaftspreis”, sondern bestehe auf den Katalogpreis. Das hat für mich viel mit Würde zu tun.

    Im Falle von Büchern kannst du ziemlich genau schauen, wohin dein Geld zu welchen Prozentteilen fliesst. Das Internet ist voller Informationen dazu. Der Direktvertrieb ist eine sehr arbeits- und kostenintensive Sache. Zudem bleiben dir beim Direktvertrieb sehr viele Türen verschlossen und wenn du nicht ein ganz guter Marketingstratege bist, kannst du die Sache sowieso vergessen, weil dann niemand weiss, dass es dein Produkt gibt, niemand danach fragt und es somit auch niemand kauft.

  18. Vielleicht ein bischen spät – aber ich halte das Argument des “die Künstler müssen ja davon leben” doch für ein recht Schwaches. Die wenigsten Künstler (und darunter zähl ich jetzt auch mal die Schriftsteller) können von ihrer Arbeit leben. Sie tun es trotzdem. Das das so ist liegt nicht im westentlich am Internet, sondern daran, dass sich nun mal nicht jeder Originalbilder an die Wand hängt oder 40-50 Bücher im Jahr liest. Der Kuchen an Geld für künstlerisches Werk ist nun mal begrenzt.
    Das trotzalledem das Werk von Künstler geschützt ist, ist eine gewollte und damit auch ein Stückweit willkürlicher gesellschaftliche Abwägung, und ja nun alles andere als alt. Goethe hat noch am wenigstens von seinem Verkaufserfolgen profitieren können. Damals haben die Verlage in grossen Auflage völlig legal “Die Leiden” nachgedruckt. Das Urheberrecht ist somit als Recht der Autoren gegen die Verlage eingeführt worden. Das jetzt die Verlage klagen entbehrt insofern nicht einer gewissen Ironie.

    Unabhängige Quellen sind notwendig in einer Demokratie – woher die kommen ist ja erstmahl irrelevant. Aber wenn Kontent nur noch über Werbefinanzierung verbreitet wird, dann mag vielleicht die Unabhängigkeit der Artikel weiterhin möglich sein – man weiss es aber auch einfach nicht. Im dem Sinne halte ich es durchaus für demokratirelevant, mindestens ein Medium zu haben, dass Pluralität, Unabhängigkeit gewährleistet und bereit ist Themen aufzugreifen die nicht werbewirksam sind. Der grössere Unbill ist für mich in diesem Zusammenhang, dass derzeit wohl eher dem Unterhalsgebot gefröhnt wird und man doch hoffen kann, dass irgendwann mal wieder eine Auslandsberichtserstattung gesendet wird, die diesen Namen auch verdient.

  19. Zur Information: Es stimmt nicht, dass der Kommentar von David «wegen des Fazits» gelöscht wurde, wie David hier behauptet. Tatsache ist: Der Kommentar wurde wegen beleidigender Wortwahl gelöscht. Alle, die anständig und friedlich diskutieren wollen, sind bei Bobby California willkommen.

  20. @Mara: Danke für die Ergänzungen.

    @Bobby: Jaja, austeilen kannst du gut («Dieb», der dem «stumpfsinnigen Steinzeit-Materialismus» verfallen ist, usw.), aber einstecken kannst du nicht. Ich schrieb: «Meinungsfreiheit hat nichts mit der finanziellen Grundlage von irgendeiner Art von Journalismus zu tun. Dass man sowas einem Journalisten erklären muss, ist ja wirklich unglaublich. Ich wundere mich, dass Leute wie du überhaupt noch von einer “Qualitätszeitung” angestellt werden. So schlecht kanns ihnen anscheinend noch nicht gehen.»

    Das trifft dich natürlich in deinem Stolz. Das wusste ich schon, ich habe die Löschung erwartet, darum habe ich die Kommentare aufbewahrt (sonst mache ich das nicht). Wenn du einen einfühlsamen Umgang wünschst, müsstest du vielleicht bei deiner eigenen Wortwahl beginnen. Und wenn du wirklich findest, dass meine Äusserung eine Beleidigung ist, darfst du mich jetzt verklagen. Wäre sicher noch interessant. Das Wort «Seckel» hat ja letzthin für eine Verurteilung genügt.

  21. David > «Und wenn du wirklich findest, dass meine Äusserung eine Beleidigung ist, darfst du mich jetzt verklagen»: Träumst du? Ich denke nicht im Traum daran, einen Blogger zu verklagen.

    «Wenn du einen einfühlsamen Umgang wünschst, müsstest du vielleicht bei deiner eigenen Wortwahl beginnen»: Nein, muss ich nicht. Denn es gibt einen bedeutsamen Unterschied: Wörter wie «Content-Dieb» waren nicht auf dich persönlich gemünzt, sondern auf alle, die, na eben, den Content-Klau befürworten (auch wenn ihr dem nicht Diebstahl sagt, sondern beschönigend «freies Internet» und so). Hingegen ist dein Satz beleidigend: «Ich wundere mich, dass Leute wie du überhaupt noch von einer “Qualitätszeitung” angestellt werden». Denn damit unterstellst du mir, dass ich ein schlechter Journalist bin, der es nicht verdient hat, dass er einen Job hat. Der Satz hatte zudem gar nichts mit dem Diskussionsthema zu tun, es war nur ein Tritt gegen mein Schienbein. Sowas lösche ich. Und zwar eben wegen diesem Satz – nicht wegen deinem Fazit. Du kannst so viele Fazits bei mir posten wie du willst.

  22. Ich habe dir nicht unterstellt ein schlechter Journalist zu sein. Viele mittelmässige oder sogar gute Journalisten werden auch nicht mehr angestellt. Ausserdem wäre «schlechter Journalist» meines Erachtens keine Beleidigung. Du darfst mich auch «schlechter Blogger» nennen. Sowas nehme ich sportlich. Aber dass du ein wirklich guter Journalist bist, wollte ich damit schon in Frage stellen.

    Es ist hingegen nicht harmloser, wenn du gleich eine ganze Gruppe von Menschen ungerechtfertigt «Dieb» nennst. Ausserdem bezeichnest du meine Meinung regelmässig als «Quatsch» oder «Denkfehler». Wer keinen Respekt zeigt, hat auch keinen Respekt verdient. Wer andere geringschätzt, kann keine Hochachtung erwarten. Aber natürlich darfst du in deinem Blog machen was du willst.

  23. Und übrigens noch: ich schrieb zwei separate Kommentare: Einer mit dem oben zitierten Abschnitt, und ein zweiter mit dem Fazit, das frei von jeder Wertung war. Du hättest das Fazit also stehen lassen können.

  24. @Mara: Ja, wir tun es trotzdem (ich rechne mich jetzt – trotz U-Literatur – auch mal dazu). Und die meisten von uns beklagen sich deswegen auch nicht, denn wir wissen, dass wir parallel zu dem, was wir tun, einen “Brotjob” ausüben müssen, wenn wir finanziell überleben wollen. Trotzdem: Irgendwo ist einfach fertig. Ich würde meine Bücher schon gerne noch verkaufen und nicht einfach verschenken (der Bäcker verschenkt seine Brötchen auch nicht), oder mir das bezahlen zu lassen, was der Kunde gerade zu zahlen bereit ist (“Ich geb ihnen für die Brötchen heute 20 Rappen, mir ist grad so danach.”).

  25. @Alice
    Das bleibt einem ja unbenommen – nur kann man eben nicht erwarten dafür Geld zu bekommen. – Genausowenig wie man für journalistische Arbeit automatisch erwarten kann, dass andere Bereit sind dafür zu zahlen.

    Ich weiss nicht mehr welche deutsche Schriftstellerin es per Namen war – aber sie konnte Jahrelang von ihren Publikatinen leben, bis ihr kostenloser Blog so erfolgreich war, dass niemand mehr ihre Bücher gekauft hat. Seitdem gibt es diesen Blog nicht mehr.

  26. Mara > Doch, eben kann man für journalistische Arbeit automatisch erwarten, dass andere bereit sind dafür zu zahlen.

    David > Das nenne ich eben Content-Diebstahl: wenn Leser wie Mara nicht bereit sind dafür zu zahlen. Und das offen zugeben. Quod erat demonstrandum: Die Bezeichnung Dieb ist eben nicht «ungerechtfertigt», sondern sie ist leider sehr gerechtfertigt. Dann muss ich auch nicht respektvoll sein. Mit einem Dieb, der dir deine Arbeit wegnimmt, ohne dafür zu zahlen, und der dir noch offen ins Gesicht sagt, dass er dafür nichts zahlen will, mit so einem Dieb würdest du ja auch nicht respektvoll umgehen. Weil der Dieb selber nicht respektvoll ist. Diebstahl ist das Gegenteil von respektvollem Verhalten. Wer meine Arbeit nimmt, ohne dafür zu zahlen, nimmt mir meinen Lohn weg – und letztlich meinen Job. Das nehme ich sicher nicht kommentarlos hin.

  27. Ich mische mich auch noch einmal ein. Wenn wir mal alle KünstlerInnen- und JournalistInnen-Ethik und -Werte beiseite lassen und mal die Bäckermetapher von Bobby und Alice ins Zentrum rücken, so heißt das: Verkauft Bücher und Zeitungen und sagt, wie viel ein Buch und eine Zeitung kostet. Und wir kaufen sie, wenn wir sie mögen, oder kaufen sie nicht, wenn wir sie nicht mögen oder sie uns zu teuer sind oder wir lieber andere kaufen; wie der Markt halt so spielt. Und dann könnt ihr sehen, ob ihr davon leben könnt, wie ein Bäcker eben. Und ich komme nicht auf die Idee, ein Buch oder eine Zeitung zu stehlen; aber ich komme auf die Idee, die liegen gebliebene Zeitung im Zug zu lesen oder mir ein Buch aus der Bibliothek zu holen.
    Und nun gibt es zumindest Zeitungen im Internet; nicht von irgendwelchen Kriminellen bereitgestellt, sondern von Verlagen. Warum sollte ich die nicht lesen? Und warum wäre ich dann ein Dieb? Oder respektlos?
    – Und dann noch ein letztes Mal, warum dieses Bild nicht stimmt: Der Bäcker verrechnet mir die Miete seines Lokals, den Preis des Mehls und den Preis seiner Arbeit. Genau so wie mir der Kiosk den Preis des Papiers, die Distribution und den Druck der Zeitung und die Arbeit der JournalistInnen verrechnet. Würde ich nun dem Bäcker mein eigenes Mehl bringen und ihn in meiner Küche backen lassen, dann müsste ich ihn doch nur noch für seine Arbeit zahlen. Und wie viel von einem verkauften Buch bekommt beispielsweise Alice? Und wie viel von einer verkauften Zeitung geht an Bobby?
    – Ich bezahle pro Monat 10 Euro per Flattr ein. Und drücke praktisch auf jedem Artikel, den ich gelesen habe, den Knopf. Ich bezweifle, dass ich durch den Kauf herkömmlicher Zeitungen JournalistInnen im Jahr 120 Euro zukommen ließ, als ich Zeitungen gekauft habe.

  28. @Bobby: Genau das habe ich im Artikel hier ja entkräftet. Für dich ist jemand, der von BV Art. 16.3 Gebrauch macht, ein Dieb. Da ist deine Ansicht im eklatanten Widerspruch zu unseren verfassungsmässigen Grundrechten.
    Ist eigentlich jemand, der am Flohmarkt ein Buch kauft, für dich auch ein Dieb? Sind Antiquitätenhändler Mafioso? Und ist jemand, der ehrenamtlich Kinder betreut, eigentlich auch «schädlich» wie die Atomkraft, weil er den Markt für kommerzielle Kindertagesstätten «kannibalisiert», also Betreuungspersonen um ihre Lebensgrundlage bringt? Betreibt der Staat mit dem Zivildienst auch «Kannibalismus»?

  29. Philippe > «Zeitungen im Internet… warum sollte ich die nicht lesen, und warum wäre ich dann ein Dieb»: Moment. Das habe ich so nie gesagt. Für den Fehler, den Content im Internet zu verschenken, sind die Verleger verantwortlich, nicht die Leser. Immerhin merken sie es jetzt und installieren Paywalls (zB Schaffhauser Nachrichten). Viel mehr Mühe habe ich mit den Internet-Fans, die immer wieder behaupten, Content im Internet müsse gratis sein. Dann muss ich eben sagen: Nein, stimmt nicht, Content muss im Internet überhaupt nicht zwangsläufig gratis sein. Flugreisen oder Coop-At-Home sind auch nicht gratis im Internet. Und um das Problem zu verdeutlichen, bezeichne ich Gratis-Konsum von journalistischen Texten als Diebstahl, Schmarotzertum oder Zechprellerei. Du kannst selber auslesen, welcher Begriff dir lieber ist.

    «Und wie viel von einer verkauften Zeitung geht an Bobby»: Mehr als du denkst. Das Problem ist aber, dass wir immer weniger verkaufen, weil die Leute glauben, sie könnten die Informationen in gleicher Qualität im Internet gratis beziehen. Da muss man als Journalist einfach aufstehen und sagen: Nein, das stimmt nicht. Das Gratis-Angebot im Internet würgt den Journalismus ab. Deshalb meine Diebstahl-Metapher.

    «Ich bezahle pro Monat 10 Euro per Flattr ein»: Das nützt mir einen feuchten Dreck. Flattr gibt es nur bei Hobby-Blogs, nicht bei professionellen Medien.

  30. David > «Ist eigentlich jemand, der am Flohmarkt ein Buch kauft, für dich auch ein Dieb»: Natürlich nicht.
    «Sind Antiquitätenhändler Mafiosi»: Hab ich nie behauptet.
    «Und ist jemand, der ehrenamtlich Kinder betreut, schädlich, weil er Betreuungspersonen um ihre Lebensgrundlage bringt»: Sicher nicht. Es gibt einen grossen Mangel an Betreuungsplätzen in Kinderkrippen. Also ist ein Babysitter kein Problem für Krippen.
    «Betreibt der Staat mit dem Zivildienst auch Kannibalismus»: Nein. Denn das Ziel des Zivildiensts ist nicht die Konkurrenzierung von privaten Dienstleistungen, sondern das Beschäftigen der Militärdienstverweigerer.

    Übrigens hat die Debatte um Gratis-Medien herzlich wenig mit Artikel 16 der Bundesverfassung zu tun. Meinungsfreiheit bedeutet, dass man seine Meinung frei äussern darf. Das Gratis-Angebot im Internet führt aber eben dazu, dass es nicht mehr rentiert, die freie Meinung zu äussern. Deshalb muss das Gratis-Angebot eliminiert werden. Im Interesse der Meinungsfreiheit.

  31. Schön, dass du den Titel des Artikels nochmals in eigene Worte gefasst hast.

    Wer ein Buch am Flohmarkt kauft, bringt den Autor genauso um die Tantiemen, wie der, der raubmordkopiert. Aber böse ist anscheinend nur das Neue.

  32. «Wer ein Buch am Flohmarkt kauft, bringt den Autor genauso um die Tantiemen, wie der, der raubmordkopiert»: Klassisches Beispiel für einen Denkfehler. Es ist einfach falsch gedacht. Der Vergleich stimmt einfach nicht! Tatsache ist: Wer ein Buch auf dem Flohmarkt kauft, gibt dem Verkäufer einen Teil des Kaufpreises, den dieser dem Buchhändler ablieferte. Nur ein sehr kleiner Prozentsatz aller gekauften Bücher werden am Flohmarkt weiter verkauft. Das kannst du doch nicht vergleichen mit dem Internet. Wenn ich im Internet ein Musikstück oder einen Text gratis anbiete, können es 6 Milliarden Menschen gratis herunterladen. Die logische Folge: Der Markt bricht total zusammen. Was nicht der Fall ist, wenn ich ein Buch am Flohmarkt anbiete.

  33. Ah, Diebstahl ist erst Diebstahl, wenn es viele andere auch machen. OK. Dann kann ich beim Bäcker auch ein Brötchen stehlen – schliesslich bricht der Markt deswegen nicht gleich zusammen, die meisten bezahlen ja. Danke, dass du mir diesen Denkfehler aufgezeigt hast.

    Noch zu deiner Antwort an Philippe: Erst sagst du, er wäre kein Dieb, und im gleichen Abschnitt ist es dann doch wieder Diebstahl. Also Diebstahl ohne Dieb, oder wie?

    Und weisst du, wieso die Zeitungen (ausser der taz) freiwillig auf die Flattr-Einnahmen verzichten? Und: Kann da Philippe etwas dafür?

  34. «Diebstahl ist erst Diebstahl, wenn es viele andere auch machen»: Juristisch gesehen nicht. Aber mir geht es nicht um die juristische Seite, sondern ich wollte die moralische Verwerflichkeit aufzeigen. Natürlich hat der Bäcker kein Problem, wenn nur ein Kunde ein Brötchen klaut. Beim Internet sind die Dimensionen ganz anders, weil in fast jedem Haushalt ein Computer steht, mit dem man Content konsumieren kann, ohne zu zahlen.

    «Also Diebstahl ohne Dieb, oder wie»: Nein. Diebstahl ist ein Begriff, den ich verwendet habe, um aufzuzeigen, dass man uns Journalisten um den wohlverdienten Lohn bringt, wenn man unsere Arbeit konsumiert, ohne zu bezahlen. Nochmals: ob es Diebstahl im juristischen Sinn ist, ist mir egal. Ich will einfach meinen Lohn für meine Arbeit. Der Gratis-Konsum trägt dazu bei, dass sich seriöser Journalismus nicht mehr finanzieren lässt. Das wollte ich mit der Diebstahl-Metapher verdeutlichen. Eine kleine verbale Schocktherapie für David, nicht mehr, nicht weniger.

    «Und weisst du, wieso die Zeitungen (ausser der taz) freiwillig auf die Flattr-Einnahmen verzichten»: Klar: Weil es nicht funktioniert. Es funktioniert ja nicht einmal bei den Bloggern. Es funktioniert auch bei der Taz nicht. Wieviel hat die Taz mit Flattr eingenommen? Irgendwas zwischen 1000 und 2000 Euro pro Monat. Ein schöner Zustupf für die Kaffeekasse, nicht mehr. Flattr funktioniert einfach nicht.

  35. Ich möchte noch einmal konkret auf die Flattr-Thematik eingehen. Bei der taz bringt ein Flattr-Klick im Schnitt 22 Cent (http://blogs.taz.de/hausblog/2010/09/01/flattr-einnahmen_erstmals_niedriger/).
    Wie viel von einer Zeitung ist für die Arbeit der JournalistInnen bestimmt? »Mehr als du denkst« genügt mir nicht. Gäbe es keine Werbung, würde eine Zeitung meines Wissens 6 mal mehr kosten. D.h. ich zahle einen Sechstel der anfallenden Kosten, also auch maximal einen Sechstel der Lohnes der JournalistInnen.
    So ganz grob geschätzt würde ich sagen, Flattr wäre das bessere System. Und besser heißt, ich würde für einen Text mehr bezahlen. Allerdings nicht für einen Rollkoffer-Rant.

  36. Philippe > «Gäbe es keine Werbung, würde eine Zeitung meines Wissens 6 mal mehr kosten»: Das ist nur ein Vorurteil, das nicht wahrer wird, nur weil man es überall hört. Es gibt auch Zeitschriften mit null Inserateseiten, die null mal mehr kosten.

    Flattr kannst du vergessen. 1302 Euro für die Taz! Give me a break.

  37. Die taz erscheint auch noch als Printausgabe – 1302 Euro werden zusätzlich eingenommen.
    Bevor du mir Vorurteile unterstellst, solltest du konkrete Zahlen nennen. Wie viel kostet es, eine Zeitung herzustellen, wie viel davon zahlen LeserInnen und wie viel die Werbung?
    Die Zeitschriften mit null Inserateseiten kenne ich nun nicht – aber Du kostet jeweils 20 Franken, wenn ich es kaufe.

  38. Philippe > 1302 Euro. Wahnsinn.

    «Wie viel kostet es, eine Zeitung herzustellen, wie viel davon zahlen LeserInnen und wie viel die Werbung»: Weiss ich doch nicht. Ich bin Journalist, nicht Verleger.

    «Die Zeitschriften mit null Inserateseiten kenne ich nun nicht»: Schon mal vom Saldo gehört? Es enthält keine Inserate, 20 Ausgaben kosten im Abo nur 53 Franken. Geht also doch. http://www.saldo.ch/shop/zeitschriften_abos/index.php

  39. @Bobby: Viele Leute kennen Flattr noch gar nicht. Würden die Schweizer Verlagshäuser in einer gemeinsamen Aktion Flattr einbauen und offensiv propagieren, gäbe das bestimmt ganz andere Zahlen. Müsste man halt ausprobieren. Will man aber anscheinend nicht. Man könnte auch auf Premium-Funktionen (z.B. individualisierter News-Mix) setzen. Will man auch nicht. Man vertraut lieber auf die Rezepte von Apple und Murdoch. Und gibt dann den eigenen Lesern die Schuld, wenns nicht funktioniert. Ich sag: Selber schuld.

    Und: Danke für die Schocktherapie. Bin gerade in der Erholungsphase. Nachdem die Musikindustrie schon seit 10 Jahren von “Piraterie” spricht und sich dieser Ausdruck fest ins Journalistenvocabular eingenistet hat, ist «Diebstahl» natürlich schon ein Riesenschock. Ich hoffe ich bin jetzt geheilt und denke von nun an richtig.

  40. David > Wenn Flattr so eine geniale Sache wäre, könnte man es auf andere Wirtschaftszweige ausdehnen. In der Beiz müsste man dann keine Rechnung mehr bezahlen, sondern beim Ausgang auf den Flattr-Knopf drücken und nur so wenig bezahlen, wie man Lust hat. In der Migros gäbe es keine Kassen mehr, sondern nur noch Flattr-Buttons. Und auch die Tankstellen würden nur noch so wenig erhalten, wie die Kunden grad Lust haben zu zahlen. Die Folgen wären klar: die Wirtschaft würde sofort zusammen brechen.

    Vielleicht stammt ja die Unlust der Verleger, sich mit Flattr zu befassen, ja von diesem absehbaren Misserfolg ab. Unsere ganze Wirtschaft basiert auf fixen Preisen. Nur von den Medien erwartet ihr, dass wir unsere Waren gegen freiwillige Almosen abgeben. Da muss ich eben sagen: Kommt nicht in Frage. Denn mit Flattr würden die Einnahmen sofort monumental einbrechen.

    Flattr funktioniert ja nicht mal bei denjenigen, die davon überzeugt sind, bei den Bloggern. Dank Flattr verdient ein einzelner Blogger höchstens ein paar Franken pro Monat.

  41. Beiz ist ein gutes Beispiel: Schon mal was von Trinkgeld gehört? Macht bei Servicepersonal einen nicht unerheblichen Lohnbestandteil aus. Natürlich nicht die vollen Kosten. Das würde ich auch bei Flattr nicht erwarten.

    Mit Flattr würden die Einnahmen natürlich nicht einbrechen, weil sie heute bei null sind. Die Flattr-Einnahmen würden wie das Trinkgeld einfach hinzukommen. Wer Trinkgeld konsequent ablehnt: Selber schuld.

    Hingegen zeigen die Experimente mit strikten Paywalls, dass diese in den meisten Fällen ein wirtschaftlicher Misserfolg sind. Auch die Appverkäufe sind rasch wieder eingebrochen. Der Markt richtet sich eben nicht nach den Verkäufern – die Verkäufer müssen sich dem Markt ausrichten. Migros-Preise richten sich auch dem Markt aus, und nicht den Preisvorstellungen von Bauern und der Nahrungsmittelindustrie. So ist das halt in einem freien Markt.

    Aber was Verleger wie Neininger im Schild führen, ist ja klar: Sie wollen gar keinen wirtschaftlichen Erfolg. Sie wollen den Nachweis erbringen, dass die Paywalls auch nichts bringen, um dann von der Politik zu verlangen, ein Informationskartell zu errichten. Womit wir wieder beim Titel dieses Artikels wären.

    Höchstens ein paar Franken ist falsch. Tim Pritlove macht mit seinen Blogs und Podcasts über 1000 Franken pro Monat mit flattr.

  42. Kurz zusammengefasst, bevor ich konkret auf einzelne Punkte eingehe: Ich finde mich in einhelliger Meinung mit Bobby California.

    Nun konkret @Philipp (zu Antwort 27):
    Dem freien Markt ausgesetzt zu sein, daran bin ich mich gewöhnt. Ich beziehe weder Werkbeiträge noch sonstige Kulturförderung (nur meine Schullesungen werden zum Teil aus einem Kulturfördertopf bezahlt, aber dafür liefere ich eine professionelle, normal bezahlte Dienstleistung … wobei ich begonnen habe, mich um Werkbeiträge zu bewerben, ziemlich chancenlos allerdings). Es ist mir klar, dass ich mein Verdienst von der Anzahl verkaufter Bücher abhängt – unter anderem von Büchern, die an Bibliotheken verkauft und deshalb mehrfach gelesen werden. Irgendwann erreichen die meisten Bücher auch den “Verramschungsstatus”, will heissen, sie werden billig “vertschuttet”, weil sie nur noch in ganz kleinen Mengen verkauft worden sind – und irgendwann landen sie im Antiquariat. Das passt für mich so. Was für mich nicht passt, ist das Kopieren und Gratisverbreiten eines Buches, lange bevor es in den Verramschungsstatus gelangt. DAS raubt mir meine Einnahmen. Mag sein, dass das den Lesern, die kostenlos zu meinem Text kommen, egal ist (der Gabathuler bleibt ja immer noch die Freude am Schreiben, Gottes Lohn und ein Platz im Himmel), mir ist es das nicht.

    Zum “schiefen Bild” des Bäckers: Wenn du ein Buch kaufst, zahlst du Verlagsgebäudemiete, Ladenverkaufsmiete, Verlagsangestelltenlöhne, Verkäuferinnenlöhne, Material, Infrastruktur ect. Das ist der Grund, warum ich nicht 100 Prozent der Einnahmen bekomme, sondern 10 Prozent. Wenn ich meine Bücher selber herstellen müsste, hätte ich ebenfalls Herstellungs- und Materialkosten und müsste erst noch ein Vertriebssystem aufbauen und selber Werbung bezahlen. Um das Bild wieder gerade zu rücken: Bei einem Buchkauf bezahlst du genau wie beim Bäcker das ganze Rundherum mit. Wenn du nun beschliesst, dir das lieber gratis herunterzuladen, schadest du nicht nur mir, sondern ganz vielen anderen auch (ist bei Journalisten / Zeitungsverlagen auch so).

    Was du mir also genau mit Antwort 27 sagen willst, ist mir nicht klar. Der Trinkgeldvergleich hinkt meiner Meinung nach noch viel mehr (das hat Bobby aber schon dargelegt, also tue ich das nicht auch noch).

    Ich bin mittlerweile sogar soweit, dass ich flattr und Kachingle ablehne (ich seh Bobby grinsen …), weil mir Diskussionen wie diese zum Hals heraushängen. Entweder verstehe ich daran etwas nicht (gut möglich), ich übersehe etwas Entscheidendes (auch gut möglich) oder irgendwas geht hier tatsächlich nicht auf.

    Zu Tim Pritlove: Der investiert wahrscheinlich tonnenweise Zeit in Blog und Postcasts, hat das Glück zu den (verhältnismässig wenigen) Bloggern zu gehören, die genügend Klicks haben – und macht trotzdem nur 1000 Franken. Davon hat er NICHT gelebt.

    Ich habe keine Ahnung, was für Jobs ihr macht (ausser bei Mara und Bobby), aber es würde mich mal interessieren, wie das so wäre, Mara, wenn dir jemand sagt: Deine Arbeit heute war mir 20 Franken wert, hier nimm sie. Oder euer Chef drückt euch am Ende des Tages 15.25 CHF in die Hand mit den Worten: Sorry Folks, ich habe den Kunden heute keine Rechnung gestellt, durfte jeder bezahlen, was er wollte und tja, das hat heute für dich rausgeschaut. Sorry, vielleicht hast du morgen mehr Glück, ist halt der freie Markt, friss oder sauf ab.

  43. Noch ein PS: Ich hab’s nicht mit Bobbys Wortwahl, aber hier blase ich mal in dieselbe Tuba: Leute, die alles überall gratis abschöpfen, ohne Rücksicht auf die Hersteller / Verfasser der Produkte, deren sie sich so leichtfüssig und locker bedienen, sind auch für mich in erster Linie 1: Schmarotzer.

  44. Ich bin selbstverständlich mit Alice einverstanden: Wer nicht zahlt, ist ein Schmarotzer.

    «Wer Trinkgeld konsequent ablehnt: Selber schuld»: Nein. Ich will kein Trinkgeld. Ich will einen fixen Monatslohn.

    «Hingegen zeigen die Experimente mit strikten Paywalls, dass diese in den meisten Fällen ein wirtschaftlicher Misserfolg sind»: Wart’s ab, es ist noch viel zu früh, um Bilanz zu ziehen. Das Experiment mit den Paywalls hat noch gar nicht richtig begonnen.

    «So ist das halt in einem freien Markt»: Wenn du Fan bist von einem imaginären Brutalo-Manchesterkapitalismus, dann hängst du einem Phantom nach, das nichts mit der Realität zu tun hat. Tatsache ist: Alle wichtigen Branchen werden vom Staat gestützt, wenn sie in Schieflage geraten: Banken, Bauern, Verkehrsunternehmen usw. Der seriöse Journalismus ist so wichtig für unsere Demokratie, dass es grobfahrlässig wäre, ihn sterben zu lassen mit dem flapsigen Spruch «So ist das halt im freien Markt.» Wenn sich die Bürger nicht mehr seriös informieren können, sind sie nicht mehr frei, demokratische Entscheide zu treffen. Die Freiheit, finanzielle Profite zu generieren, ist nicht die wichtigste Freiheit. Es gibt noch andere Freiheiten, die wichtiger sind.

    «Aber was Verleger wie Neininger im Schild führen, ist ja klar: Sie wollen gar keinen wirtschaftlichen Erfolg»: Wenn du ernsthaft glaubst, Neiningers geheime Gedanken lesen zu können, tust du mir leid.

    «Tim Pritlove macht mit seinen Blogs und Podcasts über 1000 Franken pro Monat»: Congratulations. Und wieviele Blogger verdienen so viel wie Tim Prittlove?

  45. @Alice: Tja, wir werden unsere Positionen wohl nicht annähern. Ich bleibe der Ansicht, dass die Leute nicht weniger für Kultur ausgeben, wenn sie digitale Kopien gratis erhalten. Vielleicht leistet sich auch jemand gerade darum dein Buch, weil er das Geld nicht für eine Kopie eines anderen geistigen Werks gebraucht hat.

    Was an Trinkgeldvergleich hinkt, verstehe ich nicht.

    Zu Tim Pritlove: Soviel ich weiss, lebte er in der Vor-flattr-Zeit von Moderations- und anderen Freelance-Aufträgen, heute ist er etwas weniger abhängig von diesen. Wahrscheinlich haben ihm die Podcasts aber erst zu diesen Moderationsaufträgen verholfen, sie waren also Werbung für ihn selbst. So ganz genau weiss ich es aber nicht.

    Zu meinem Job: Ich designe die Bedienung von Software (Interaction Design). Ich habe keine Möglichkeit, meine geistige Arbeit rechtlich zu schützen. Patentierung wäre viel zu aufwändig. Dafür kann ich auch nach Belieben bei anderen abschauen. Ausserdem ist man dabei in Konkurrenz mit Billiglohnländern. Ausser man sucht eben Nischen, die von Indien her nicht beackert werden können. Ich habe eine Festanstellung und darum etwas finanzielle Sicherheit, aber nur solange wie das Geschäft läuft.

    @Bobby: «Ich will kein Trinkgeld. Ich will einen fixen Monatslohn.» Kannst du ja haben, wenn die Zeitung die Flattr-Einnahmen annimmt. Man würde ja nicht dich persönlich flattern, sondern das gesamte Online-Angebot. Der Monatslohn steht gar nicht zur Disposition. Aber er könnte ein wenig höher sein, wenn der Verlag noch Zusatzeinnahmen generieren könnte.

    «Wart’s ab, es ist noch viel zu früh, um Bilanz zu ziehen. Das Experiment mit den Paywalls hat noch gar nicht richtig begonnen.» OK, aber immerhin etwas erprobter als das Flattr-System ist es. Solange es keine Staatseingriffe gibt, schätze ich die Erfolgschancen im General-Interest-Bereich als sehr klein ein.

    «Tatsache ist: Alle wichtigen Branchen werden vom Staat gestützt, wenn sie in Schieflage geraten: Banken, Bauern, Verkehrsunternehmen usw.» Ja, die Autoindustrie könnte man noch hinzufügen. Das ist überall ein grosser Fehler. Die Verluste verstaatlicht man, die Gewinne privatisiert man. Diese Strukturerhaltung kostest uns sehr viel Geld. Es ist Umverteilung von unten nach oben.
    Im Gegensatz zu diesen genannten Branchen ist der Journalismus tatsächlich sehr wichtig für die Demokratie. Ich habe nie etwas anderes behauptet. Ich bin aber dagegen, dass private Unternehmen ohne klaren Leistungsauftrag und Controlling in irgendeiner Weise subventioniert werden. Entweder installiert man öffentlich finanzierte Non-Profit-Redaktionen (dafür plädiere ich schon lange), oder man entscheidet sich für Marktwirtschaft. Aber öffentliche Unterstützung, und dann trotzdem den Gewinn einsacken, das geht nicht. DAS ist Schmarotzertum. Und die Informationsfreiheit einschränken, um das eigene Geschäftsmodell zu retten, das geht auch nicht. Grundrechte gelten für alle, auch für jene, die keinen hochwertigen Journalismus betreiben.

    «Und wieviele Blogger verdienen so viel wie Tim Prittlove?»
    Niemand, soviel ich weiss. Ich wollte bloss dein «höchstens ein paar Franken» richtig stellen.

  46. Ich bin – wie man wohl auch durch Google herausfinden könnte – Lehrer. Mein Lohn legt ein kantonales Parlament fest; ich bin mit dem Lohn zufrieden – war aber noch nie in der Situation, sagen zu müssen, wie viel meine Arbeit wert ist. Was David sagt, kann ich gleich auf meine Situation anwenden: Auch wenn ich der Meinung bin, dass nur staatlich finanzierte Schulen mit staatlichen Rahmenbedingungen ein sinnvolles Bildungssystem ermöglichen, käme ich nie auf die Idee, Privatschulen verbieten zu wollen. Genau die gleiche Haltung habe ich in Bezug auf Medien: Staatliche Förderung mit staatlichem Leistungsauftrag finde ich okay, so lange keine Unterhaltung so finanziert wird; Verbote problematisch.

    Vielleicht abschließend noch, was ich zu Flattr und dem Bäcker sagen wollte: Ich zahle gerne für qualitativ hochwertige Texte und Bücher. Und ich will auch nicht erst zahlen, wenn ich den Text gelesen habe. Aber ob ich Bobbys Zeitung am Kiosk oder per Abo kaufe oder ob ich bei seinen Artikeln auf einen Flattr-Button drücken würde, spielt für ihn keine Rolle – so meine Behauptung.

  47. Philippe > «Ob ich Bobbys Zeitung am Kiosk oder per Abo kaufe oder ob ich bei seinen Artikeln auf einen Flattr-Button drücken würde, spielt für ihn keine Rolle»: Doch sicher spielt es eine Rolle. Wenn man die Erfahrungen der Taz extrapoliert, würde das bedeuten, dass mein Monatslohn auf maximal 1 Franken schrumpfen würde, wenn die Leser nur noch per Flattr bezahlen würden.

    «Der Monatslohn steht gar nicht zur Disposition. Aber er könnte ein wenig höher sein, wenn der Verlag noch Zusatzeinnahmen generieren könnte»: Nein, es ist genau umgekehrt: Mein Monatslohn wäre viel höher, und mein Chef könnte viel mehr Kollegen anstellen, wenn es kein Gratis-Angebot mehr geben würde (Flattr ist gleichbedeutend mit Gratis-Angebot).

    «Und die Informationsfreiheit einschränken, um das eigene Geschäftsmodell zu retten, das geht auch nicht»: Hä? Niemand schränkt die Informationsfreiheit ein. Wir wollen nur Geld für unsere Leistung.

    «Grundrechte gelten für alle, auch für jene, die keinen hochwertigen Journalismus betreiben»: Es gibt kein Grundrecht auf Schmarotzertum und Contentklau.

  48. «Hä? Niemand schränkt die Informationsfreiheit ein.»
    Ich wiederhole mich: Die Elimination von Gratis-Angeboten, egal mit welchen staatlichen Eingriffen dies geschehen soll, ist eine Einschränkung der Informationsfreiheit. Geld wollen dürft ihr, aber verhindern, dass andere Informationen gratis anbieten, das dürft ihr nicht.

  49. Bobby: Ich spreche nur von mir; nicht von allen LeserInnen. Alle LeserInnen drücken offenbar nicht auf den Flattr-Knopf. und Flattr hat mit gratis nichts zu tun. Weil es kostet und weil es Einnahmen bringt. Und ich alleine werde nie deinen Monatslohn zahlen – ob ich nun Zeitungen kaufe, abonniere oder flattere.

  50. @Philipp: Ich wäre auch zufrieden mit einem Lehrerlohn ;-) Im Ernst: Ich bin gelernte Lehrerin und könnte somit – wenn ich auf meinem gelernten Beruf arbeiten würde – auch so einen (fixen Monatslohn, der gut zum Leben reicht) haben. Wer sich auf eine Arbeit im kulturellen Bereich einlässt, weiss, worauf er / sie sich einlässt. Vor allem: Wer von einem fixen Monatslohn träumt, sollte das tunlichst unterlassen. So einen gibt’s für uns nicht. Das geht in Ordnung, solange wir die Chance haben, mit unseren Werken (oder marktwirtschaftlich gesagt “Produkten”) eine Chance zu haben. Wenn wir nicht einmal mehr diese Chance haben, dann wird es noch viel härter als es ohnehin ist (wobei in dem etwas wirren und komplizierten Grundsatzpapier der Piratenpartei zum Urheberrecht für AutorInnen ungefähr das gefordert wird, was ich auch fordere – die Möglichkeit, am Anfang selber Geld mit einem Werk zu verdienen).
    Ich habe zwei Fragen an dich:
    1. Wenn der Künstler der Kunst und nicht des Geldes wegen arbeitet, kannst du mir dann verraten, wie er sein Essen, sein Dach über dem Kopf und die Miete bezahlen soll?
    2. Wieso ist genau der Künstler die Ausnahme, die NICHT für Geld arbeiten sollte?

    Was mich von Bobby unterscheidet: Er hat einen Monatslohn und ich will doch stark hoffen, dass er einen hat und auch weiterhin einen haben wird. Es wäre für mich ein Graus zu wissen, dass Journalisten sich ihr Geld durch Drücke auf einen Flattr-Knopf oder andere Freiwildaktionen verdienen müssten. Für mich bestünde damit die Gefahr, dass sie ihre Unabhängigkeit verlieren. Könnte ja sein, dass irgendeine Interessengruppe kommt und sagt: Lieber Journalist, wenn du einen wohlwollenden Artikel zu Thema XYZ schreibst, klicken wir 1000 Mal auf die Flattr-Taste. Oder: Der Cheffe der Zeitung kommt und sagt: Hey, Leute, bei diesem ganzseitigen Kulturbeitrag zum neuen Buch von XYZ hat kein Schwein geflattrt. Schreibt doch morgen mal über Brad Pitt und Frau Jolie. Es ist schon heute schwierig genug für Journalisten – und damit die Leserschaft. Mit solchen Flattr-ähnlichen Modellen würde ich überhaupt keinem Artikel mehr glauben – und dann könnte ich mir die Zeitungen schenken, was ich aber nicht will.

    Und auch dazu eine Frage: Staatlich bezahlte Journalisten, staatlich bezahlte Künstler usw. Irgendwann könnte es auch da mit der Unabhängigkeit vorbeisein. Und mit den vorhandenen staatlichen Finanzen, die das alles irgendwie abdecken sollen.

    Natürlich sind die Verlage selber schuld an der Misere; sie sind ja auf diesen Gratiszug aufgesprungen. Es ist aber nie zu spät, wieder auszusteigen.

    Noch ein Wort zur Petition der Piratenpartei: Da stehen Leute (u.a. der Piratenpartei) für so ein Fruchtmaschinchen stundenlang in einer Schlange, zahlen für das Fruchtmaschinchen ohne zu murren einen viel zu hohen Preis (weil man ja den Namen der Frucht, den Gurustatus des Firmenchefs und die schicke Ladenlokalität der Firma mitbezahlen muss), aber wenn es darum geht, ein paar Franken Abgabe auf einen Artikel zu zahlen, starten sie eine Petititon – schaffen es aber nicht, sich zu einer Abstimmungsparole für den 13. Februar durchzuringen (Stand gestern, Webseite Piratenpartei). Ausserdem – mit Verlaub – haben wir wesentlich dringendere Probleme in diesem Land als eine Abgabe auf ein Unterhaltungsgerät.

    PS: Ich drücke auf keine Flattr-Knöpfe, weil ich a) mittlerweile dieses System heftigst hinterfrage und b) das Pay Pal System nicht mag. Von mir gibt’s also nichts.

  51. Ich stelle mal deine Aussagen zusammen:
    1. KünstlerInnen sollen auf dem Markt eine Chance haben.
    2. Der Markt gefährdet bei Journalistischen Texten die Unabhängigkeit, weil geschrieben wird, was der Markt lesen will.
    3. Staatliche Finanzierung gefährdet die Unabhängigkeit von KünstlerInnen und JournalistInnen.

    Für mich widersprechen sich diese Aussagen. Die große Frage ist: Sollen künstlerische Leistungen und/oder journalistische durch den Markt finanziert werden oder nicht? Meine Antwort: Der Markt führt nicht zu zufrieden stellenden Ergebnissen, wenn es sich nicht um einen Gemüsemarkt handelt sondern die Produkte, Interessen und Bedürfnisse komplexer und widersprüchlicher werden.
    Heißt das, dass ich Flattr nicht nutzen sollte? Nein – weil es für mich ein Weg ist, den JournalistInnen Geld für ihre Texte zu geben, die ich auch gratis lesen könnte. Weil ich dafür bezahlen will. Nicht ein Trinkgeld – sondern so viel, wie ihre Leistung kostet. Aber ich will nicht unbedingt eine ganze Zeitung kaufen.
    Und nun noch zu meiner Aussage, KünstlerInnen sollte nicht wegen des Geldes Kunst machen. Kunst zu machen ist keine Arbeit, weil Kunst das Verhältnis von Mittel und Zweck, von Form und Inhalt, von Frage und Antwort und Angebot und Nachfrage reflektiert, überschreitet, darstellt, hinterfragt. Eine echte Künstlerin, ein echter Künstler drückt – so mein Verständnis – etwas aus, was sie oder ihn bewegt; ohne einen Gedanken daran, ob dieser Ausdruck sich in ein ökonomisches Konstrukt einfügen lässt.
    KünstlerInnen sollen leben – aber nicht von einem Markt abhängig sein. Deshalb gibt es staatliche Kulturförderung und deshalb befürworte ich das System eines bedingungslosen Grundeinkommens. Weil nicht nur KünstlerInnen leben sollen, sondern alle Menschen.

  52. @Alice, zu deinem Abschnitt zur Piratenpartei: Der Unterschied zwischen einem Apple-Produkt und der SUISA-Abgabe ist, dass beim Apple-Produkt der freie Markt spielt. Es gibt Konkurrenzprodukte (die bei Piraten mindestens so beliebt sind). Nicht ok ist, dass Apple einem dann auch den App-Store und iTunes aufzwingt und dort absahnt. Dort sind Piraten an der fordersten Front dabei, wenn es darum geht, Apple-Produkte zu jailbreaken. SUISA-Gebüren lassen sich hingegen nicht “jailbreaken”. Nur durch hohen Druck, auch vom Konsumentenschutz, werden die Gebüren jeweils gesenkt, wenn sie für einzelne Geräte die 100-Franken-Grenze durchbrechen. Dank dem öffentlichen Druck ist die Höhe einigermassen akzeptabel, aber nicht aber die Verteilung der Belastung. Die Gebühr könnte akzeptiert werden, wenn sie dem tatsächlichen Musikkonsum entsprechen würde. Die Korrelation zwischen Speicherplatzgrösse und Musikkonsum ist aber verschwindend klein, die Gebühr daher völlig willkürlich statt verursachergerecht. Der Erfolg der Petition zeigt, dass viele Leute, nicht nur Piraten, die Abgabe als willkürlich empfinden. Gegen Willkür darf und soll man sich wehren.

    Ja, es gibt wichtigere Probleme in diesem Land, und noch wichtigere auf der Welt. Findest du z.B. den Konsumentenschutz deshalb unnötig, weil er sich nicht um eines der wichtigsten Probleme kümmert? Die Piratenpartei ist sich durchaus bewusst, dass es Wichtigeres gibt. Um jene Probleme zu lösen, braucht es aber keine Piratenpartei. Die Piratenpartei ist ein Zwischending zwischen Interessenverband, Thinktank und Partei. Sie ist entstanden, weil die Anliegen der «digitalen Generation» von keiner etablierten Partei aufgenommen und vertreten wurden. Die Piratenpartei sieht ihre Aufgabe nicht darin, für alle wichtigen Probleme auf der Welt Lösungen zu finden. Die Piratenpartei beschränkt sich auf den Bereich, von dem sie etwas versteht (Digitalpolitik und Bürgerrechte), denn sie will Sachpolitik machen. Wenn sie zur Waffenschutzinitiative keine Stellung nimmt, heisst das nicht, dass die Piraten das Thema nicht wichtig finden, sondern dass sie die anderen Parteien in diesem Bereich für mindestens so kompetent hält und daher nichts Relevantes zur Diskussion beitragen kann. Zudem sind die Meinungen bei den Piraten in dieser Frage geteilt, weil sie vom Grundsatz ausgehen, dass die Bürger dem Staat misstrauen sollen und nicht der Staat den Bürgern. Auf http://waffenschutz-initiative.politnetz.ch kannst du einige persönliche Meinungen von Piraten finden.

  53. @Philipp:

    “Kunst zu machen ist keine Arbeit”

    Ich habe selten einen derartigen Quark gelesen. Schreiben ist zuweilen forderndes, schweisstreibendes, frustrierendes, beschissenes, hartes, total unterbezahltes Handwerk – sprich ARBEIT (tolstoi soll bisweilen daran beinahe verzweifelt sein). Und ich nehme jetzt einmal an, das gilt auch für andere Kultursparten. Wenn wir anfangen, so zu denken, dann arbeitet der Arzt bald einmal honorarfrei, weil seine Arbeit keine Arbeit ist, sondern Nächstenliebe. Und Lehrer verzichten auf ihr Gehalt, denn sie arbeiten nicht, sondern wirken im Sinne einer besseren Gesellschaft.

    Zurück zur Kultur: Staatliche Kulturförderung? Für wen? Für alle, die wollen? Für jene, die vom Staat als fördernswert betrachtet werden? Bis hin zur Staatskunst, die dem Staat dient (es gibt sehr negative Beispiele dafür)?

    Im Moment sehe ich das Grundeinkommen als Utopie, denn solange mir nicht jemand (auch nur ansatzweise) aufzeigen kann, wie wir das finanzieren sollen, und vor allem, solange es nicht eingeführt ist, würde ich gerne mit den Produkten meiner “Nichtarbeit” Geld verdienen, weil der Bäcker (um bei ihm zu bleiben) seine Brötchen gerne bezahlt hätte.

  54. @David:
    “Der Erfolg der Petition zeigt, dass viele Leute, nicht nur Piraten, die Abgabe als willkürlich empfinden”
    Oder dass es die Leute einfach “voll geil” finden, nichts bezahlen zu müssen.

    Wenn ich deine Argumentation zur Nichtparole der Piratenpartei (etwas bösartig) weiterentwickle, komme ich zu folgendem Schluss:

    - Die SVP ist Expertin in Sachen Ausländerpolitik. Die anderen Parteien dürfen die Ausländerpolitik getrost der SVP überlassen.
    - SP und SVP sind Experten in Sachen Sozialpolitik. Warum sollten die anderen Parteien etwas dazu sagen?

    Wenn die Piratenpartei sich so einseitig einsetzen will wie damals die Autopartei, würde sie sich besser “Interessenverband” nennen oder von mir aus auch Digitallobby.

  55. Ich habe nicht geschrieben: »Kunst ist keine Arbeit.« Sondern begründet, warum ich diese Haltung vertrete. Und ich habe damit auch nicht gemeint, Kunst mache keine Arbeit, sei nicht anstrengend. Wenn ich einen Arzt frage, warum er seine Patienten heilt, dann kann er mir sagen: Weil ich Geld verdienen will. Oder: Weil ich Leuten gerne helfen. Oder eine Kombination davon. Und all das ist in meinem Verständnis für einen Arzt möglich. Wenn aber eine Künstlerin auf die Frage, warum sie das macht, Geld erwähnt, dann handelt es sich für mich um Handwerk. Damit ist wiederum nicht gesagt, das KünstlerInnen kein gutes Leben führen sollen, arm sein müssen oder sich nicht anstrengen, all das sage ich mit keinem Wort.

  56. David > «Der Erfolg der Petition zeigt, dass viele Leute die Abgabe als willkürlich empfinden»: Träumst du? Bis dato haben 800 Leute die Petition unterzeichnet. Das soll ein «grosser Erfolg» sein? 800 Leute sind ungefähr der harte Kern der «Piratenpartei». Mit einer so überflüssigen Petition werdet ihr niemals eine Mehrheit der Bevölkerung ansprechen. Zum Glück.

    Von mir aus sollte sich die Piratenpartei umbenennen in Schmarotzerpartei. Das wäre ehrlich. Und semantisch würde es keinen grossen Unterschied bedeuten.

  57. @philippe:

    Gut, dann übe ich halt ein Handwerk aus.

    Wahrscheinlich üben die meisten Künstler ein Handwerk aus, sprich Arbeit (Frag mal den Eisenplastiker, wie hart sein Handwerk ist usw.). Womit wir automatisch wieder beim Einkommen sind. Die meisten von uns hätten ihre Arbeit gerne bezahlt – und nicht kostenlos abgekupfert.

    Es liegt nicht an Einzelpersonen, zu entscheiden, was Arbeit ist und was nicht, und aufgrund der Entscheidung “keine Arbeit” davon auszugehen, dass derjenige, der diese “Nichtarbeit” ausübt, dafür auch kein Geld braucht, sprich, dass man seine Werke kostenlos weiterverbreiten darf.

    Wenn ein Künstler sich dazu entschliesst, seine Werke frei und kostenlos zugänglich zu machen und das so deklariert, dann wohlan: Dann soll es so sein. Aber nur dann. Das hat auch mit Respekt vor dem Künstler zu tun, der seine Kunst oder sein Handwerk (je nach Definition) bezahlt haben möchte.

  58. Allen, die hier über bezahlte und unbezahlte Arbeit streiten, wäre vermutlich mit einem Grundeinkommen gedient.

    http://www.initiative-grundeinkommen.ch

    Da bliebe viel Raum für Kunst und Journalismus, ohne dass die Brötchen zum Zmorgen davon abhängen, wieviel dafür bezahlt wird.

  59. Danke für eure engagierte Diskussion.

    1. Es gibt verschiedene Arbeitsbegriffe, die nicht falsch oder richtig, sondern einfach Definitionssache sind. Familienarbeit ist auch Arbeit, trotzdem akzeptieren wir, dass sie nicht bezahlt wird. Es wird enorm viel Arbeit ehrenamtlich geleistet, deswegen ist sie in meinen Augen nicht weniger Wert als Erwerbsarbeit. Vielleicht wird die Diskussion ergiebiger, wenn wir von der Motivation für der Arbeit sprechen. Wir müssen in allem was wir tun einen Sinn sehen. Die Motivation kann Geld (bzw. blosse Existenzsicherung) sein, oder Spass am Erschaffen oder Lust an Herausforderungen für sich selbst, oder Altruismus, ein Dienst für andere Menschen. Jeder muss selber wissen, wie hoch für ihn der Anteil Geld ist. Ohne Grundeinkommen besteht aber natürlich ein gewisser Druck in Sachen Existenzsicherung.

    2. Das Urheberrecht als Gesamtes steht ja nicht zur Disposition. Bei der «Eliminierung von Gratis-Angeboten» im Journalismus geht es überhaupt nicht um bisheriges Urheberrecht, denn die Gratis-Angebote verstossen ja nicht dagegen. Bei den SUISA-Leerträgerabgaben geht es um einen kleinen, jungen Teil des Urheberrechts. Deswegen wird nicht gleich alles in Frage gestellt. Die Verluste durch frei zirkulierende digitale Kopien halten sich in Grenzen, und wenn solche vermutete Verluste nicht mehr bei Speicherplatzbesitzern «zurückgeholt» werden können, geht es den Kulturschaffenden kaum viel schlechter (manchen geht es dank Internet auch viel besser) wie wenn es keine digitalen Kopien gäbe.

    3. Es gibt viele Kulturbereiche, die kaum ja selbsttragend waren. Der Verteilschlüssel ist natürlich immer umstritten, aber das ist der bei der SUISA auch. Staatliche Kulturförderung ist keine Katastrophe, sondern Normalität.

    4. Zur Finanzierung des Grundeinkommens in der Schweiz gibt es übrigens bereits ein Buch, in dem verschiedene Finanzierungsmodelle präsentiert werden. Liest sich nicht wahnsinnig leicht, aber es ist klar, dass ein BGE von über 2000 Franken machbar ist, wenn der Wille dazu vorhanden ist.

    5. Natürlich braucht es mehr als nur eine Partei, die sich um Ausländerpolitik kümmert. Es bräuchte auch mehr als eine – sagen wir – halbe Partei, die sich um Digitalpolitik kümmert. Aber es muss sich nicht jede Partei um jedes Thema kümmern. Mir wäre lieber, die Politiker würden zu jenen Themen, von denen sie keine Ahnung haben, schweigen. Oftmals ist die Politik mehr Teil des Problems als Teil der Lösung. Das Fernziel ist schon, eine Partei mit einem umfassenden Programm zu werden, aber dazu müssen erst Kompetenzen aufgebaut werden. Das wird lange dauern, aber darin sehe ich kein Problem. Wieso sollen wir sie nicht trotzdem Partei nennen? Und einseitig sind wir nicht mehr als jede andere Partei.

    6. @Bobby: Es sind jetzt 1652 Unterschriften innerhalb von einer halben Woche. 800 warens irgendwann am Montag. Und es werden mehr und mehr, ohne jegliche Werbeanstrengungen. Ich nenn das einen Erfolg, ja.

    7. Manche Blogger verstehen Flattr auch nicht als Bezahlung oder Dankeschön für die veröffentlichten Werke, sondern als Vorfinanzierung der zukünftigen Werke. Sie sagen quasi: Ich schenke euch dieses Werk, und wenn ihr wollt, dass ich mehr davon erschaffen kann, dann finanziert mir das bitte. Es gab auch schon Bands, die ihre CD durch Fundrising bei ihren Fans vorfinanzierten und diesen dann als Dank eine Special Edition zukommen liessen. Wenn man es sich so denkt, betrachtest du es immer noch als «Freiwild», Alice?

  60. David > 1653 Geizhälse sagen, dass sie nichts bezahlen wollen für ihren Kulturkonsum. Ich bin tief beeindruckt. Und ich lancier jetzt dann auch eine Petition für Gratis-Bier und Gratis-öV und Gratis-weissnichtwas. Sollte ein Kinderspiel werden, 1652 Unterschriften für Gratis-Diesunddas zu ergattern. Flachsinnig ist euer Anliegen dennoch.

  61. Zum Grundeinkommen:
    Ich möchte die Leute sehen, die mit gut 2000 Franken auskommen (können). Ich höre jetzt schon das Jammern, dass es nicht reicht – schliesslich habe es ja immer noch solche, die mit Arbeit über die 2000 kommen und die könnten ja noch ein wenig mehr Steuern zahlen, damit für alle aus den 2000 Franken etwas mehr wird. Nein, danke. Ich bekenne mich zum Ehrgeiz, etwas erreichen zu wollen im Leben; ich bekenne mich auch dazu, dass ich dann die Früchte meiner Anstrengungen gerne selber ernte statt sie ins System zu pumpen.

    Zur staatlich subventionierten Kultur empfehle ich den Weltwochartikel dieser Woche. Ich habe zum ersten Mal im Leben überhaupt eine Weltwoche gelesen (gruselig), aber der Artikel bringt es (leider etwas zu harsch formuliert) genau auf den Punkt. Es ist schon seltsam, dass es immer wieder auf die gleichen Haufen Geld schneit. Und andere immer und ewig im Regen stehen … Auch da: Nein, danke. Da herrscht zu viel Willkür, zu viel Unausgewogenheit.

    Der freie Markt ist mühsam. Aber ehrlich gesagt, im Kulturbereich nicht viel ungerechter als staatliche Subventionen.

    Vielleicht sollte ich an dieser Stelle einmal erklären, warum ich nach 10 Jahre Autorinnenleben angefangen habe, mich um Werkbeiträge zu bemühen. Es ist NICHT das Geld (mein Mann und ich verdienen zusammen mehr als genug). Es ist die Tatsache, dass man in der CH gar niemand ist, wenn man sich nicht mindestens bewirbt; besser ist noch, wenn man mal irgendeine Förderung erhalten hat, dann ist man so quasi “drin im System”, gilt was als “Künstler” oder “Kulturschaffender”. Ob ich das nötig habe? Ich weiss es nicht. Ich weiss einfach, dass es mit NULL Präsenz in diesen Institutionen und damit zum Teil auch in den Medien (ist ja ein Wechselspiel) relativ schwierig ist, bekannt(er) zu werden. So läuft’s. Ich habe beschlossen, mich mal in das Gewühl zu stürzen. Ohne Illusionen. Mit einer gewissen Neugier.

  62. Also, Alice, wir wollen beide einen freien Markt statt staatlicher Willkür. Und wir wollen beide, dass es Künstlern nicht ans Lebige geht. Bloss bei der Umsetzung dieser Ziele sind wir uns uneins.

    Was ist denn an SUISA-Gebühren freier Markt? Das ist eben gerade kein freier Markt. Das sind staatlich verordnete willkürliche Zwangsabgaben, die widerum willkürlich verteilt werden. Bobby will auch den freien Markt im Journalismus aufgeben. Er will, dass der Staat so in den Markt eingreift, dass er die Illusion aufrecht erhalten kann, er würde von seiner Arbeit leben. Der Staat soll ihm sein Einkommen auf dem freien Markt garantieren. Das ist ein Widerspruch in sich. Entweder gibts den freien Markt, und auf diesem hat niemand Anspruch auf ein Einkommen, oder wir haben durch Abgaben oder Steuern finanzierte Staatseingriffe. Wir leben in einer Zeit der Subventionitis. Mit dem Argument, Arbeitsplätze seien in Gefahr, werden grosse Wirtschaftszweige an den Tropf des Staates gehängt. Und zwar völlig willkürlich: Wieso soll der eine Anspruch auf ein gutes Einkommen haben, der andere aber nicht?

    Hier setzt das bedingungslose Grundeinkommen an. Das Grundeinkommen würde wieder einen freien Markt ermöglichen, bei dem niemand einseitig bevorzugt wird – ihn aber entschärfen, indem die Existenzgrundlage für jeden Menschen garantiert wird. Es ermöglicht eben gerade, einen Ehrgeiz zu entwickeln, um etwas im Leben erreichen zu können. Ein grosser Teil der Menschen ist heute bloss damit beschäftigt, ihren nötigsten Lebensunterhalt zu erwirtschaften, und kann sich gar nicht leisten, sich zu entwickeln, sich weiterzubilden und das Potenzial zu nutzen, das in ihm steckt. Eine Reinigungskraft kann noch so ehrgeizig sein – im heutigen System hat sie praktisch keine Aufstiegsmöglichkeiten. In einem Markt mit Grundeinkommen wird nicht mehr um das Überleben gekämpft, sondern um ein besseres Leben.

    Ein Grundeinkommen würde auch die Abhängigkeit vieler Künstler von staatlichen Kulturförderungen, die heute eher Normalfall als Ausnahme ist, entschärfen. Ich finde es auch idealer, wenn Künstler auf dem Markt zu ihrem Einkommen können kommen. Ohne Grundeinkommen ist das aber selten möglich, und da sind Kulturfördermassnahmen bei aller ihnen innewohnenden Willkür besser als gar nichts. Ohne den Weltwoche-Artikel gelesen zu haben, gehe ich davon aus, dass er die Kulturförderungen kritisiert, ohne eine Lösung für das Problem zu haben.

    Freier Markt bedeutet auch, dass man sich an die äusseren Rahmenbedingungen anpasst. Wenn heute die Verteilung von identischen Kopien kinderleicht ist und eine Verhinderung dieses Vorgangs nur mit massivsten Überwachungsmassnahmen à la chinoise möglich wäre, dann muss das ein Akteur in einem freien Markt einfach akzeptieren. Er muss sich dem Markt anpassen, und nicht vom Markt verlangen, dass dieser sich dem eigenen Geschäftsmodell anpasst. Da kann sich der Akteur noch so moralisch im Recht sehen. Es nützt nichts. Niemand hat in einem freien Markt Anspruch auf wirtschaftlichen Erfolg.

    Aber jeder sollte Anspruch auf Existenzsicherung und eine gesellschaftliche Teilhabe auf bescheidenem Niveau haben. Dies würde durch das Grundeinkommen sichergestellt.

  63. David > «Wenn heute die Verteilung von identischen Kopien kinderleicht ist und eine Verhinderung dieses Vorgangs nur mit massivsten Überwachungsmassnahmen à la chinoise möglich wäre, dann muss das ein Akteur in einem freien Markt einfach akzeptieren»: Dieser Satz ist gleich in mehrfacher Hinsicht falsch:

    - Die Verhinderung von geistigem Diebstahl ist relativ einfach möglich. Es braucht dazu mitnichten «massivste Überwachungsmassnahmen à la chinoise». Was für ein Unsinn! Und du weisst genau, dass es Unsinn ist! Napster zB wurde relativ schnell dicht gemacht. Ohne «massivste Überwachungsmassnahmen».

    - Es ist nicht logisch, von der Idee eines «freien Marktes» darauf zu schliessen, man müsse Diebstahl akzeptieren. Denn erstens ist der real existierende Markt nicht annähernd so frei, wie du suggerierst. Dein «freier Markt» ist weitgehend eine Fiktion. Nenn mir doch mal nur eine einzige Branche, die total frei ist und ohne staatliche Regulationen und Subventionen auskommt. Vermutlich kannst du mir keine einzige nennen. Dein «freier Markt» ist nur ein Traum. Zum Glück. Denn Freiheit ist sowieso eine Fiktion. Niemand ist frei. Die Freiheit des Einzelnen hört dort auf, wo die Freiheit eines anderen beginnt. Also relativ bald. Wir sind alle voneinander abhängig. Und das ist gut so.

    «Bobby will, dass der Staat so in den Markt eingreift, dass er die Illusion aufrecht erhalten kann, er würde von seiner Arbeit leben»: Auch dieser Satz ist falsch:

    - Wenn die Presse von Gebühren profitiert, so wie heute Radio und TV, bedeutet das nicht, dass es eine Illusion wäre, dass ich von meiner Arbeit leben kann. Es ist auch keine Illusion, dass Beni Thurnherr von seiner Arbeit leben kann. Es ist eine Tatsache. Auch der Lokführer kann von seiner Arbeit leben, auch wenn die SBB subventioniert werden. Subventionen und Gebühren sind nichts Teuflisches. Dank ihnen funktionieren gewisse Wirtschaftszweige sehr gut, die sonst nicht so gut funktionieren würden, wobei man sich einig ist, dass es für die gesamte Gesellschaft ein grosser Nachteil wäre, wenn diese Wirtschaftszweige nicht funktionieren würden. Dein sogenannter «freier Markt» ist nur ein Traum, oder besser gesagt ein Alptraum, denn wenn er konsequent umgesetzt würde, würde es uns allen viel schlechter gehen.

    Das «bedingungslose Grundeinkommen» ist auch nur ein guter Witz. Wenn ich ein Grundeinkommen vom Staat erhalten würde, würde ich meinen Job schon morgen an den Nagel hängen. Alle Putzfrauen würden ihren Job auch an den Nagel hängen. Niemand würde mehr putzen. Die Welt würde im Dreck versinken. Vergiss es!

  64. @Bobby:
    Du offenbarst wieder einmal deine völlige Ahnungslosigkeit. Napster hatte einen zentralen Server. Dort wars einfach. Bittorrent ist dezentral. Ausserdem ist es eine Technologie, die auch für ganz legale Dinge genutzt wird, denn es ist die effizienteste Variante zur breiten Verteilung von grossen Dateien. Auch Universitäten setzen Bittorrent ein. Es müsste jeder einzelne Internetuser überwacht werden. Wenn es nicht so wäre, wäre Bittorrent natürlich schon lange offline.

    Branchen, die nicht staatlich gestützt werden (darum geht es, nicht um Sicherheitsregeln usw.) gibt es viele, zum Beispiel meine eigene, die Informatikbranche. Klar, es gibt staatliche Aufträge, aber die müssen so vergeben werden, dass sie nicht marktverzerrend wirken. Anscheinend bist du ein tiefroter Sozialist, der meint, der Staat könne alles besser regeln als der Markt. Eine solche Diskussion wäre uferlos, darum lass ich deine Meinung einfach mal stehen.

    Du willst also keinen freien Markt, aber du willst auch keinen Leistungsauftrag, sondern du willst Markt imitieren und Produkte verkaufen, die in einem freien Markt nicht konkurrenzfähig sind. Die Gewinne privat, die Verluste dem Staat. Damit geht es uns garantiert nicht besser. Ich sehe überhaupt keinen Sinn in staatlichen Wettbewerbsverzerrungen auf Kosten der Konsumenten oder Steuerzahler.

    “Die Welt würde im Dreck versinken.”
    Genau das sagten die Südstaatler vor noch nicht allzu langer Zeit, als gewisse Leute die utopische Idee hatten, die Sklaverei abzuschaffen. Du willst also selber vom Staat bezahlt werden, aber andere Leute gegen ihren Willen dazu zwingen, die Drecksarbeit zu machen? Seltsame Moral. Wenn niemand mehr putzt, gibt es drei Varianten: a) Selber machen, b) Maschinen entwickeln, die es machen, c) den Lohn soweit erhöhen, bis es jemand macht. Die Welt würde genausowenig im Dreck versinken wie bei der Abschaffung der Sklaverei. Aber diejenigen, die die Drecksarbeit machen, würden endlich die Anerkennung erhalten, die sie verdient haben.

  65. David > «Napster hatte einen zentralen Server. Dort wars einfach»: Auch bei Napster wurden einzelne User zur Kasse gebeten, hast du das schon wieder vergessen? Man kann auch Server stillegen, die Torrents anbieten, das wurde schon mehrmals erfolgreich praktiziert (zB Pirate Bay). Bei der Verfolgung von Schmarotzern gibt es leider einen Konflikt zwischen Datenschutz und Urheberrechtsschutz. Ich bin dafür, dass der Urheberrechtsschutz stärker gewichtet wird als der Datenschutz, so wie bei der Verfolgung von Pädophilen. Datenschutz darf nicht dazu führen, dass Verbrechen ungestraft begangen werden können. Man muss aber keineswegs alle User ständig überwachen, wie du das wider besseres Wissen suggerierst. Es genügt, die Provider fallweise dazu zu zwingen, die Userdaten herauszugeben.

    «Anscheinend bist du ein tiefroter Sozialist, der meint, der Staat könne alles besser regeln als der Markt»: Aber, aber, wir wollen doch nicht so holzschnittartig argumentieren wie die SVP. Du weisst so gut wie ich, dass eine absolut freie Marktwirtschaft ohne staatliche Eingriffe genau so wenig funktionieren kann wie der Sozialismus à la Ostblock. Zwischen Manchesterkapitalismus und Sozialismus gibt es viele Abstufungen.

    «Die Gewinne privat, die Verluste dem Staat»: Das ist eine perfekte Beschreibung der freien Marktwirtschaft, die wir heute haben. Siehe UBS und schöne Steuermechanismen wie Verlustvortrag.

    «Du willst also selber vom Staat bezahlt werden, aber andere Leute gegen ihren Willen dazu zwingen, die Drecksarbeit zu machen»: Nein. 1. wird man nicht «vom Staat bezahlt», wenn Gebühren erhoben und verteilt werden, sondern wenn schon, wird man von den Gebührenbezahlern bezahlt, so wie heute die SRG-Mitarbeiter. Die Bilag zieht die Gebühren ein, nicht der Staat. Und 2. mache ich auch Dreckarbeit, im übertragenenen Sinn. Ich will damit sagen, dass Journalismus oft eine anstrengende Arbeit ist, nicht immer Spass macht und auch ungesund sein kann. Wenn ich ein automatisches Grundeinkommen erhielte, würde ich den Job an den Nagel hängen und nur noch Sachen machen, die ausschliesslich Spass machen. Auch Lehrer, Zahnärzte, Tramführer usw würden aufhören, zu arbeiten. Die Wirtschaft würde zusammenbrechen.

  66. Du willst also das Internet nur stichprobenartig überwachen und die Provider verpflichten, die Netzaktivitäten ihrer Kunden auf Vorrat zu speichen. Das heisst, so etwas wie ein Briefgeheimnis gäbe es im Internet nicht mehr. Du willst das Internet zum bürgerrechtsfreien Raum machen. Jedoch sind die Verschlüsselungstechnologien schon längst vorhanden, um solche Überwachungen zu umgehen. Pirate Bay ist trotz massivsten Serverbeschlagnahmungen online. Ausserdem ist Pirate Bay bloss eine Suchmaschine, vergleichbar mit Google. Die Filesharer sind nicht auf Pirate Bay angewiesen. Ausserdem wird Bittorrent nicht nur für geschützte Werke angewendet. Nur weil Autos für kriminelle Taten benutzt werden, würdest du ja auch nicht alle Autos verbieten wollen, oder?

    «Die Gewinne privat, die Verluste dem Staat»: Das ist eine Beschreibung der Situation, die wir schon heute in diversen Branchen haben, und die du anscheinend auch noch auf den Journalismus ausdehnen möchtest. Der Staat sorgt dafür, dass die Verlage Gewinne machen, die die Verleger dann in die eigene Tasche stecken können.

    Ob der Staat die Gebühreneintreibung nun selbst durchführt oder an ein Privatunternehmen (mit dem Bund als Mehrheitsaktionär) outsourcet, spielt keine Rolle. Die Gelder kommen nicht von freien Konsumenten, sondern werden zwangsweise erhoben. So wie bei der SRG finde ich das knapp akzeptabel, weil die Angebote dafür gratis sind, kein Profit abgeschöpft wird und ein klarer Leistungsauftrag besteht. Das aber wollen die Verleger ja nicht. Sie wollen bloss Geld.

    «würde ich den Job an den Nagel hängen und nur noch Sachen machen, die ausschliesslich Spass machen.»
    Was für Sachen wären das? Was würdest du mit deinem restlichen Leben anfangen, wenn du monatlich 2500 Franken auf sicher hättest?
    Anscheinend ist es mit deinem Berufsstolz doch nicht so weit her, wie du angibst.

    «Die Wirtschaft würde zusammenbrechen.»
    All die Lehrer, Zahnärzte, Tramführer könnten schon heute ihren Job an den Nagel hängen und von der Sozialhilfe leben. Wieso tun sie es nicht? Wieso bricht die Wirtschaft nicht schon längst zusammen? Vielleicht, weil ihnen 2500 Franken nicht genügen. Vielleicht auch, weil sie in ihrer Tätigkeit einen Sinn für die Gesellschaft sehen und sie eben nicht bloss Egoisten sind.

  67. «Du willst das Internet zum bürgerrechtsfreien Raum machen»: Und du willst das Internet zum urheberrechtsfreien Raum machen. Bürgerrechte dürfen nicht dazu missbraucht werden, um Diebstahl zu begehen. Wenn die Bürger Diebstahl begehen, müssen sie halt damit rechnen, dass ihre Bürgerrechte eine Zeit lang weniger stark gewichtet werden als die Rechte der Urheber. Dann habe ich kein Mitleid mehr mit den Bürgern. Mit den betrogenen Urhebern hast du ja auch kein Mitleid.

    «Der Staat sorgt dafür, dass die Verlage Gewinne machen»: Nein. Der Staat sorgt dafür, dass die Verlage überhaupt noch Zeitungen herausgeben. Dass sie einen Gewinn machen, braucht dich nicht zu stören. Wenn der Staat eine Autobahn bauen lässt, macht die Baufirma auch Gewinn, da hast du ja auch nichts dagegen.

    «So wie bei der SRG finde ich das akzeptabel, weil kein Profit abgeschöpft wird»: Zur Information, falls du es noch nicht gemerkt hast: Die Gebühren kommen heute auch den Privatradios und Privat-TVs zugute, dahinter stehen ausnahmslos profitorientierte Verlage. Das stört dich ja auch nicht, also braucht es dich auch nicht zu stören, wenn künftig nicht nur Privatradios, sondern auch Privatzeitungen von Gebühren profitieren.

  68. «Wenn die Bürger Diebstahl begehen, müssen sie halt damit rechnen, dass ihre Bürgerrechte eine Zeit lang weniger stark gewichtet werden als die Rechte der Urheber.»
    Alle Bürger in Generalverdacht nehmen, weil ein paar das Urheberrecht missachten? Deine Prioritäten sind etwas verschoben. Die verfassungsmässigen Grundrechte sind viel wichtiger als das Urheberrecht! Nur weil ein paar Leute Kinderpornographie per Post verschicken, werden auch nicht wahllos stichprobenartig Postsendungen geöffnet! Da geht es nicht um Mitleid, sondern um Bürgerrechte.

    “Wenn der Staat eine Autobahn bauen lässt, macht die Baufirma auch Gewinn, da hast du ja auch nichts dagegen.”
    Nicht alles was hinkt ist ein Vergleich. Der Bauauftrag wird an das Unternehmen mit der billigsten Offerte vergeben, und es wird eine Arbeit in nachprüfbarer Qualität eingefordert. Die Baufirma geht mit dem Vertrag auch ein Risiko ein, das sie ohne Auftrag nicht hätte. All das wäre bei Zeitungen nicht möglich. Es wäre Geld à fond perdu.

    «Das stört dich ja auch nicht, also braucht es dich auch nicht zu stören, wenn künftig nicht nur Privatradios, sondern auch Privatzeitungen von Gebühren profitieren.»
    Und wie mich das stört! Nicht einmal die eingereichten Konzepte werden eingehalten! Das Geld versickert, ohne dass die Öffentlichkeit davon einen Nutzen hat. Eigentlich müssten die Frequenzen versteigert werden, so wie bei den Mobilfunklizenzen.

  69. «Alle Bürger in Generalverdacht nehmen»: Nein. Man muss nur den Provider dazu zwingen, die Daten von kriminellen Usern herauszugeben. Du weisst genau, wie das funktioniert.

    «Es wäre Geld à fond perdu»: Unsinn. Man muss die Zahlungen natürlich mit einem Leistungsauftrag verknüpfen. Auch die Privatradios müssen bestimmte Auflagen erfüllen, zB seriöse Informationssendungen, Ausbildung usw.

  70. «Nein. Man muss nur den Provider dazu zwingen, die Daten von kriminellen Usern herauszugeben.»
    Und wie findet man heraus, welches die «Kriminellen» sind? Woher der Verdacht, wenn nicht durch wahllose Überwachung?
    Ausserdem muss man die Provider erst zwingen, solche Daten auf Vorrat zu speichern. Schon das finde ich inakzeptabel. Und wie gesagt: Mit Verschlüsselungstechnologien lässt sich das umgehen. Solche Überwachungen würden bloss die Verschlüsselung fördern. Filesharing verhindern könnten sie nicht.

    «Auch die Privatradios müssen bestimmte Auflagen erfüllen»
    Hat sich ihre Qualität verbessert durch die Gebühren? Ich kann nichts feststellen. Es gibt keine überprüfbaren Kriterien, was «seriöse Informationssendungen» sind. Kann es nicht geben. Ausserdem ist fraglich, ob die Hörer das überhaupt wollen.

  71. «Und wie findet man heraus, welches die Kriminellen sind»: Keine Ahnung, das ist nicht mein Business. Es gibt schon Leute, die sich Gedanken darüber machen. Mit welchen Methoden man den Diebstahl von geistigem Eigentum bekämpft, ist mir egal, Hauptsache, es wird etwas dagegen unternommen. Dir ist es auch egal. Du bist sowieso gegen alle Methoden, weil für dich die Freiheit des Geizhalses, der nichts zahlen will für seinen Medienkonsum, wichtiger ist als das Recht des Urhebers, der seinen Lohn für seine Arbeit haben will. Doch deine Denke ist sehr kurzsichtig. Denn wenn es sich nicht mehr lohnt, geistige Werke herzustellen, dann kannst du auch nichts mehr klauen. Was du betreibst, ist Raubbau an geistigen Werken. Dein Geschäftsmodell, das auf Schmarotzen beruht, ist sehr unnachhaltig. Du würgst die Produktion ab. Da ändert auch dein Träumen vom Grundeinkommen nichts daran, denn das wird nie eingeführt werden.

    «Hat sich ihre Qualität verbessert durch die Gebühren»: Das war auch nicht der Anspruch. Wie kommst du eigentlich auf die Idee, immer wieder solche Sachen zu behaupten, die nichts mit der Realität zu tun haben? Das muss ganz schön anstrengend sein. Zur Information: Das Verteilen von Gebühreneinnahmen war an die Bedingung geknüpft, ein seriöses Informationsprogramm zu bieten – die Bedingung war nicht, die Qualität zu verbessern. Folglich erhielt Radio Energy keine Konzession, weil sein Programm die Bedingungen nicht erfüllte. Hast du das wirklich nicht mitbekommen? Oder hast du es schon wieder vergessen?

  72. «Mit welchen Methoden man den Diebstahl von geistigem Eigentum bekämpft, ist mir egal.»
    Jaja, das habe ich schon lange gemerkt, dass dir die Bürgerrechte egal sind. Ginge es nach dir, wäre das Urheberrecht das wichtigste Bürgerrecht in der Verfassung, noch vor der Menschenwürde. Das Urheberrecht kommt in der Verfassung aber gar nicht vor, im Gegensatz zum Schutz der Privatsphäre und zur Informationsfreiheit. Dein Pech. Aber deine moralische Instanz ist ja nicht die Verfassung, sondern dein Portmonee. Und «geistiges Eigentum» kommt nicht einmal in einem Gesetz vor, genauso wenig wie ein Recht des Urhebers auf Lohn für seine Arbeit.

    «die Bedingung war nicht, die Qualität zu verbessern»
    Wieso soll ich denn für etwas zusätzlich bezahlen, ohne eine Gegenleistung dafür zu erhalten? Und nennst du das «seriöses Informationsprogramm», was die Privatradios da bieten? Und hast du mitbekommen, dass Energy die Konzession kaufen konnte, obwohl es nicht einmal die Bedingungen erfüllt? Weisst du, wie ich diesem ganzen System sage? Schmarotzertum. Nur Nachteile für die Allgemeinheit, und Geld in die Taschen der Verleger. Sowas werde ich immer strikt ablehnen.

    Ich glaube, wir könnten noch ewig weiterdiskutieren. Aber irgendwie bringt es nichts. Ich kann deine Position nicht verstehen, und du kannst anscheinend meine Position nicht verstehen. Einigen wir uns halt darauf.

  73. «Du kannst anscheinend meine Position nicht verstehen»: Doch, ich kann deine Position sehr gut verstehen. Du erfindest am laufenden Band neue Ausreden, um das Schmarotzertum und den Diebstahl an geistigem Eigentum zu legitimieren. Dagegen werde ich kämpfen, so lange ich lebe.

  74. Du glaubst du hättest mich verstanden. Du kannst das alleine aber gar nicht beurteilen. Ich fühle mich nämlich unverstanden von dir. Du hast das verstanden, was du schon zu Beginn «wusstest». (Sollte eigentlich zum Grundwissen eines Journalisten gehören, dass der Empfänger einer Botschaft nicht beurteilen kann, ob er sie richtig verstanden hat.)

    Dann einigen wir uns halt darauf, dass wir uns nicht einigen können, ob wir uns verstehen. Auch ok.

  75. @David:

    Die total freie Marktwirtschaft wird uns alle an die Wand fahren. Es gibt – wie Bobby schreibt – verschiedene Arten von Marktwirtschaft. Bis Ende der 80-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts waren wir gar nicht schlecht unterwegs. Dann wurde liberalisiert auf Teufel komm raus. Wir sitzen jetzt auf den Trümmern.

    Zitat: “Ein Grundeinkommen würde auch die Abhängigkeit vieler Künstler von staatlichen Kulturförderungen, die heute eher Normalfall als Ausnahme ist, entschärfen.”
    => Du liegst TOTAL verkehrt. Die meisten Kulturschaffenden, die ich kenne, schlagen sich OHNE staatliche Kulturförderungen durch. Von “Normalfall” kann keine Rede sein.

    Zum Grundeinkommen: Da bin ich einfach viel, viel weniger optimistisch als du.

    Zum Rest: Da werden wir uns wohl nicht einigen können.

  76. @Alice: Ich fordere nicht die total freie Marktwirtschaft. Die Marktwirtschaft hat Grenzen, bei natürlichen Monopolen (z.B. Schienennetz), bei der Existenzsicherung, und bei systemrelevanten Wirtschaftsbereichen. Im Finanzbereich wurden die Risiken falsch eingeschätzt. Dort braucht es neue Regeln, damit es eben gerade keine finanzielle Beteiligung des Staates (durch Gebühren oder Abgaben) braucht. Ich bin nicht gegen klare Regeln in systemrelevanten Branchen. Im Gegenteil. Ich bin dafür, dass alles unternommen wird, dass der Staat keine Privatunternehmen retten muss. Entweder muss man die Unternehmen ganz verstaatlichen, so dass auch der Gewinn der Allgemeinheit gehört, oder dann muss das Unternehmen Konkurs gehen können, so dass die Besitzer auch das Risiko tragen.
    Das Gleiche gilt für den Journalismus: Entweder verstaatlichen, oder dann dem freien Markt überlassen. Aber einfach Geld à fond perdu in Privatunternehmen hineinpumpen, das können wir uns nicht leisten.

    «Die meisten Kulturschaffenden, die ich kenne, schlagen sich OHNE staatliche Kulturförderungen durch.»
    Die Stadt Zürich beispielsweise gibt jährlich über 70 Millionen im Bereich Kulturförderung aus. Auch Bund und Kantone geben Millionen aus. Und ausserdem das gebührenfinanzierte Fernsehen und Radio, und die Verwertungsgesellschaften rechne ich auch dazu. Eine Buchpreisbindung gibt es im Moment nicht, aber eine solche würde ich auch als staatliche Kulturförderung ansehen. Insgesamt macht das schon eine sehr grosse Abhängigkeit. Ein Andreas Thiel brüstet sich zwar damit, nie staatliche Unterstützung angenommen zu haben, aber er tritt in «Das Zelt» auf, das wiederum als «Zirkus» finanziell unterstützt wird. Aber vielleicht hast du recht, dass «Normalfall» etwas zu hoch gegriffen ist. In gewissen Kulturbereichen trifft es aber zu.

  77. David > «Geld à fond perdu in Privatunternehmen hineinpumpen, das können wir uns nicht leisten»: Jetzt kommst du schon wieder mit dem «à fonds perdu», dabei habe ich doch weiter oben schon gezeigt, dass man einen Leistungsauftrag erteilen muss, so wie bei den Privatradios, oder vielleicht könnte man das System auch besser aufziehen als bei den Privatradios. Es stimmt auch nicht, dass wir «es uns nicht leisten können». Wir leben im reichsten Land der Welt, und wenn der Bundesrat über Nacht zig Milliarden für eine Bank locker machen kann, können wir sicher ein paar Millionen für die Presseförderung ausgeben. Das einzige, das wir uns nicht leisten können, ist der Verlust der seriösen Presse, denn das bedroht die Demokratie. Aber das ist dir egal.

    Von wegen «ich fühle mich unverstanden von Bobby» – es kommen immer die gleichen Argumente von dir: die Presse muss selber schauen, wie sie über die Runden kommt, im Internet muss alles gratis bleiben, und der Schutz der Urheber vor dem Diebstahl ihrer Werke ist nicht nötig. Das habe ich sehr gut verstanden. Vermutlich gehört es zum guten Ton, so zu denken, wenn man in der Computerbranche arbeitet. Dennoch wehre ich mich als Urheber gegen das Schmarotzertum, denn wenn man einen Computer benützt, heisst das nicht zwangsläufig, dass man ihn zum Schmarotzen verwenden muss.

    «In gewissen Kulturbereichen trifft es aber zu»: Dann bring doch mal Zahlen, wenn du das so genau zu wissen glaubst. Einfach das Blaue vom Himmel zu behaupten, ist unfair.

  78. @David:

    Beispiel Kanton St. Gallen: Ich wohne auf dem Land im Kanton St. Gallen: Der Kanton vergibt pro Jahr 10 Werkbeiträge, verteilt auf alle Sparten, macht für die Literatur 2 (zwei Werkbeiträge), und das auch für Leute, die irgendwie um 10 Ecken etwas mit dem Kanton zu tun haben. Die Stadt St. Gallen vergibt nochmals 6 Werkbeiträge, aber nur an Leute aus der Stadt St. Gallen. Sprich: Die Chance der Stadtkünstler (die sich an beiden Orten bewerben können) ist fast doppelt so hoch wie die für die Landeier aus dem Kanton St. Gallen.

    Zum Vergleich der Kanton Zürich:
    Stadt Zürich: pro Jahr 3 Werkbeiträge (à 42’000 CHF und 8 anerkennungsgaben à 10’000) => 11 Werkbeiträge alleine an Literaten. Dazu kommen dann noch die Werkbeiträge vom Kanton (weiss leider nicht, wie viele).

    Ich profitiere in Form der Schullesungen – wo die Schulen einen Anteil zahlen und der Kanton den Rest übernimmt; kann also nicht sagen, dass ich gar keine Fördergelder bekomme; nur: dafür leiste ich harte Arbeit, gebe also mehr als genug Gegenleistung für die Gelder. Übrigens: Während ich auf Lesetour unterwegs bin, komme ich kaum zum Schreiben. Und ohne neue Bücher gibt es keine Lesungen …

    Abhängigkeit? Höchstens von meinem Mann, der dafür sorgt, dass es für die Familie zum Leben reicht ;-).

    Wenn ich so die Künstler / Kulturschaffenden in meiner Umgebung anschaue, dann frage ich mich auch, wo der “Normalfall” denn so liegen sollte. Ich behaupte jetzt mal, dass die allermeisten von uns durchs Leben strafeln, sich irgendwie durchschlängeln, für “richtiges” Geld arbeiten gehen und sich so selber quersubventionieren.

    Um zum ursprünglichen Thema zurückzukommen: Wenn man Menschen, die unter solchen Bedingungen Kultur machen, dann noch in den Rücken fällt, indem man ihre Werke gratis irgendwo kopiert oder runterlädt, dann ist das entweder eine ziemliche Gedankenlosigkeit – oder eine grenzenlose Gleichgültigkeit / Geringschätzigkeit ihnen gegenüber.

  79. @Bobby: «die Presse muss selber schauen, wie sie über die Runden kommt, im Internet muss alles gratis bleiben, und der Schutz der Urheber vor dem Diebstahl ihrer Werke ist nicht nötig.»
    Nichts von alledem habe ich so gesagt. Ich bin es leid, darauf noch etwas zu erwidern.

    «Das einzige, das wir uns nicht leisten können, ist der Verlust der seriösen Presse, denn das bedroht die Demokratie. Aber das ist dir egal.»
    Nein, es ist mir nicht egal. Ich befürworte mit staatlichen Geldern unterstützte Non-Profit-Organisationen, die Qualitätsjournalismus betreiben. Aber ich unterstütze keine Subventionen, die abgeschöpft werden können.

    @Alice: Die Werkbeiträge sind nur ein kleiner Teil der Kulturförderung der Stadt St. Gallen. Sie gibt jährlich immerhin 15 Millionen für Kulturförderung aus. Siehe: http://www.stadt.sg.ch/home/inneres_und_finanzen/fachstelle_kultur.html
    Für den Kanton SG finde ich keine Zahlen.

    Zum ursprünglichen Thema: Ich bin nicht der Meinung, dass ich Kunstschaffenden in den Rücken falle, wenn ich mal etwas gratis kopiere. Denn ich gebe deswegen nicht weniger Geld für Kultur aus. Ich würde sogar behaupten, ich würde weniger für Kultur ausgeben, wenn es das Internet nicht gäbe. Es ist weder gedankenlos, noch gleichgültig, noch geringschätzig. Die Kulturschaffenden haben auch nichts davon, wenn ich, statt etwas downzuloaden, halt die vor einem halben Jahr gekaufte CD nochmals höre.

  80. David > «Nichts von alledem habe ich so gesagt»: Hast du doch gesagt. Zur Erinnerung, hier ist dein Originalton:

    1. Presse muss selber schauen, wie sie über die Runden kommt: «Entweder man passt sich an, oder man geht unter. Die Wagner mussten auch umlernen.»

    2. Internet muss gratis sein: «Es ist ein grosses Bedürfnis der Kunden, Artikel weiterempfehlen und auf persönliche Art aggregieren zu können. Diese Kundenbedürfnisse zu ignorieren, scheint mir keine erfolgsversprechende Strategie zu sein.» – «Ich finde es toll, auf die besten Texte im ganzen deutschsprachigen Raum aufmerksam gemacht werden zu können, und unkompliziert Zugang zu ihnen zu erhalten. Und ich weigere mich, deswegen ein schlechtes Gewissen zu haben.»

    3. Schutz der Urheber ist nicht nötig: «Ich propagiere das freie Kopieren nicht, aber ich propagiere auch nicht den Verzicht auf freies Kopieren. Ich mache daraus keine moralische Frage. Entweder können Kulturschaffende ihre Kunden dazu animieren, ihnen etwas zu bezahlen, oder dann halt nicht.» – «Denkst du denn wirklich, du erleidest Einbussen aufgrund des Internets?» – «Der angebliche Kausalzusammenhang, dass Gratiskopien den Verkauf schmälern, den gibt es nicht.» – «Wieso soll es, wenn man das Gleiche übers Internet macht, plötzlich dem Kulturschaffenden etwas wegnehmen?» – «Ich bleibe der Ansicht, dass die Leute nicht weniger für Kultur ausgeben, wenn sie digitale Kopien gratis erhalten.»

    Wenn du wenigstens dazu stehen würdest… es ist total unfair, mir Nicht-Verstehen-Wollen zu unterstellen. Und es stimmt auch nicht, wie die obigen Beweisstücke zeigen.

  81. Soll ich mir wirklich nochmals die Mühe machen, für dich die Unterschiede herauszuarbeiten? Also dann, aber das letzte Mal:

    1. Die privaten Verlage (≠ die Presse) müssen selber schauen. Der Staat kann sich durchaus im Pressebereich engagieren, aber nicht mit Subventionierungen von privaten Unternehmen.

    2. Jeder darf im Internet anbieten, was er will, zu Preisen wie er will, und mit Zugangshürden wie er will. Journalismus hinter Paywalls entspricht einfach nicht meinem Bedürfnis, und ich vermute, dass ich nicht der einzige bin. Darum gebe ich ihm (von Nischen abgesehen) nicht viel Chancen auf dem Markt.

    3. Urheberinteressen werden durch die Kriminalisierung von nicht profitorientierten Privatkopierern nicht geschützt. Aber natürlich sollte die profitorientierte Vervielfältigung (zumindest einige Jahre lang) und die Veröffentlichung von fremden Werken unter eigenem Namen verfolgt und unterbunden werden. Schutz der Urheber ist sinnvoll, aber

    Die Hoffnung, dass das in deinen Kopf hineingeht, habe ich aber längst aufgegeben.

    «es ist total unfair, mir Nicht-Verstehen-Wollen zu unterstellen.»
    Ach, du Armes. Da hat sicher jemand Mitleid mit dir, der du doch immer so respektvoll mit deinen Diskussionspartnern umgehst.

  82. «Die Hoffnung, dass das in deinen Kopf hineingeht, habe ich längst aufgegeben»: Es gibt nach wie vor eklatante Widersprüche in deiner Argumentation. Aber da du meine Einwände nicht zur Kenntnis nehmen willst und stattdessen weiterhin meine Person verunglimpfst (d.h. mir unterstellst, ich wäre nicht in der Lage, deine Gedanken zu verstehen), verzichte ich auf weitere Repliken. So ist eine Diskussion völlig sinnlos.

  83. Du unterstellst mir ständig Positionen, die ich gar nicht vertrete. Entweder willst du mich nicht verstehen, oder du bist nicht fähig dazu. Das ist keine Unterstellung, sondern einfach meine Erfahrung.

    Welche Einwände habe ich nicht zu Kenntnis genommen?

  84. Ich habe weiter oben bewiesen, dass ich dir nichts unterstelle, sondern dass ich deine Positionen korrekt zusammengefasst habe. Dass du trotzdem immer noch steif und fest behauptest, ich könne oder wolle dich nicht verstehen, lässt mich sprachlos. Wie gesagt: so ist eine Diskussion sinnlos.

    Nur ein kleines Beispiel dafür, was an deiner Argumentation nicht stimmt:

    «Die privaten Verlage (≠ die Presse) müssen selber schauen.»

    In der Schweiz werden alle grösseren Zeitungen von privaten Verlagen herausgegeben. Es ist mir völlig schleierhaft, wie du die Presse fördern willst, ohne die Verlage zu fördern. Die Verlage SIND die Presse. Muss man dir dergleichen wirklich noch erklären?

  85. @Bobby: Ich habe weiter oben geschrieben: «Entweder will man den freien Markt, und dann gelten die Regeln des freien Marktes mit allen Vor- und Nachteilen, oder dann will man staatlich finanziell gesicherten Journalismus, der ja bei der SRG auch nicht so schlecht funktioniert, und gibt dafür gewisse Freiheiten auf. Aber den Fünfer und das Weggli gibt es nicht.»

    Und später: «Entweder installiert man öffentlich finanzierte Non-Profit-Redaktionen (dafür plädiere ich schon lange), oder man entscheidet sich für Marktwirtschaft.»

    Was daran ist dir schleierhaft? Wie kannst du daraus ableiten, dass die Presse selber schauen müsse?

    Man könnte das Modell der – Pulitzer-Preis-gekrönten – ProPublica übernehmen, aber aus Gebühren-/Steuergeldern finanzieren. Fände ich super! Dafür würde ich sogar beinahe demonstrieren gehen. Aber es scheint mir, dass ausser mir niemand Interesse an einem solchen Modell hat.

  86. Wo willst du denn demonstrieren? Am Zürichberg, wo die potentiellen Mäzene sitzen? Spass beiseite. Ich finde es besser, wenn die Allgemeinheit den Journalismus finanziert, nicht Mäzene. Denn der Journalismus kommt auch der Allgemeinheit zugute. Und vor allem: Wer zahlt, befiehlt.

    Ausserdem ist es mir weiterhin schleierhaft, wie du Gebühren ablehnen und gleichzeitig ein Modell wie Pro Publica befürworten kannst. Pro Publica unterstützt auch die ach-so-bösen privaten Verlage – indem sie Leistungen erbringt, die die privaten Verleger früher erbracht haben. Statt Geld gibt man den Verlagen Artikel. Das kommt letztlich auf das Gleiche heraus.

    Noch besser wäre es, wenn man das Gratisangebot eliminieren würde. Nur so könnte man das Übel an der Wurzel anpacken. Aber das willst du ja nicht, weil für dich die Fiktion der «freien» Marktwirtschaft wichtiger ist.

  87. «Ich finde es besser, wenn die Allgemeinheit den Journalismus finanziert, nicht Mäzene.»
    Sagte ich doch: «aber aus Gebühren-/Steuergeldern finanzieren.»

    «Ausserdem ist es mir weiterhin schleierhaft, wie du Gebühren ablehnen und gleichzeitig ein Modell wie Pro Publica befürworten kannst.»
    Gut, wenn du einsiehst, dass du mich noch nicht so ganz verstanden hast, dann erkläre ich dir gern die Unterschiede:
    - Eine Non-Profit-Redaktion muss keine Stories machen, die sich möglichst gut verkaufen, was oft in Boulevard mündet, sondern kann sich auf das wirklich Relevante konzentrieren.
    - Die Redaktion ist auch garantiert unabhängig von PR-Einflussnahme, was bei werbefinanzierten Redaktionen leider nicht sichergestellt ist.
    - Die Rechte an den so produzierten Inhalten gehören der Allgemeinheit. Sie können zur freien Verwendung freigegeben werden.
    - Man wäre flexibel in beim gewählten Veröffentlichungskanal. Online, Print und Rundfunk könnten Hand in Hand eingesetzt werden. Keiner der Kanäle ist «ein Übel» für die Demokratie.

    Mir ist nicht die Fiktion einer freien Marktwirtschaft wichtiger, sondern, dass die Mittel der Allgemeinheit auch im Sinne der Allgemeinheit eingesetzt werden und nicht einfach die Gewinne von ein paar Verlagsbesitzern erhöhen. Wer Gewinn machen will, soll dies im freien Markt tun.

  88. «Eine Non-Profit-Redaktion muss keine Stories machen, die sich möglichst gut verkaufen»: Stimmt nur theoretisch, stimmt aber praktisch doch nicht, denn auch die Non-Profit-Redaktion möchte, dass die Zeitungen ihre Stories drucken, und das geht nur, wenn sie interessant sind. Letztlich entscheidet die Redaktion, was gedruckt wird, nicht die Non-Profit-Bude.

    «Die Redaktion ist auch garantiert unabhängig von PR-Einflussnahme»: Stimmt auch nur in der Theorie, siehe oben. Wenn die Non-Profit-Bude einen super-kritischen Artikel schreibt, der den Inserenten der Zeitung nicht passt, wird die Zeitung den Artikel nicht drucken.

    «Keiner der Kanäle ist ein Übel für die Demokratie»: Doch, viele Aspekte des Internets schaden der Demokratie, vor allem das Gratis-Angebot, denn es bedroht die wirtschaftliche Existenz der seriösen Presse. Deshalb: Weg damit! Errichtet Paywalls! Stellt die Schmarotzer vor Gericht, und gebt ihnen harte Strafen!

  89. Die Non-Profit-Bude wäre nicht angewiesen auf einen Abdruck in einer Zeitung, und schon gar nicht in einer bestimmten. Falls eine relevante Story von keiner Zeitung abgedruckt würde, könnte die Story direkt online veröffentlicht werden. Genau das wäre ein enormer Gewinn für die Demokratie! Heute wird teilweise die Recherche gar nicht gemacht, weil das Thema zu «heikel» ist. Das ist äusserst bedenklich!

    «Doch, viele Aspekte des Internets schaden der Demokratie, vor allem das Gratis-Angebot, denn es bedroht die wirtschaftliche Existenz der seriösen Presse.»
    Der seriöse Journalismus würde durch diese Non-Profit-Redaktionen sichergestellt, daher gibt es kein Schadenspotenzial für die Demokratie. Die Verquickung von privatwirtschaftlichen Interessen der Verleger und den gesellschaftspolitischen Interessen der Allgemeinheit würde aufgelöst. Falls Presseverlage keine wirtschaftliche Existenz mehr haben, ist das kein Problem der Gesellschaft, sondern der Verleger alleine. Hier sind wir wieder am Punkt, wo wir uns nicht einigen werden können: Für dich ist das physische Medium Zeitung elementar für die Demokratie. Für mich ist das Medium bloss eines unter vielen, und die Leute können sich selber entscheiden, welches für sie das geeignetere Medium ist. Solange der Journalismus gesichert ist, spielt meines Erachtens das Medium der Verbreitung keine Rolle für die Demokratie, sondern bloss für die profitorientierten Privatunternehmen.

  90. «Die Non-Profit-Bude wäre nicht angewiesen auf einen Abdruck in einer Zeitung»: Doch – weil sonst niemand ihre Artikel liest.

    «… könnte die Story direkt online veröffentlicht werden»: Das wäre verschwendete Liebesmüh, denn dann könnten nur wenige Blogleser die Artikel lesen.

    «Die Verquickung von privatwirtschaftlichen Interessen der Verleger und den gesellschaftspolitischen Interessen der Allgemeinheit würde aufgelöst»: Eben nicht! Statt Geld würden die privaten Verleger dann eben Naturalleistungen (Artikel) erhalten, das kommt auf das Gleiche hinaus, letztlich profitieren die privaten Verleger auch davon, wenn man ihnen Artikel schenkt.

    «Für dich ist das physische Medium Zeitung elementar für die Demokratie»: Nein. Das habe ich nie so gesagt. Die Zeitung kann man theoretisch auch übers Internet verbreiten. Aber die Qualität muss stimmen, unabhängig vom Medium, und die Qualität kann nur sichergestellt werden, wenn die Finanzierung funktioniert. Und das Gratis-Angebot im Internet bedroht die Finanzierung, deshalb muss man das Gratisangebot eliminieren. Das ist nur eine Frage der Zeit (siehe mein neustes Blogpost im Bobby-California-Blog).

  91. Das ist wieder der Moment, wo ich schwer das Gefühl habe, dass du mich gar nicht verstehen, sondern bloss Recht haben willst.

    Natürlich werden relevante Artikel online gelesen. propublica.org und swissinfo.ch werden auch gelesen. Du wiedersprichst dir ja komplett: Einerseits behauptest du, journalistische Artikel würden nicht gelesen, wenn sie nicht gedruckt werden, und andererseits sollen die Onlineangebote der Printjournalismus gefährden. Mindestens etwas von beidem stimmt nicht.

    «Statt Geld würden die privaten Verleger dann eben Naturalleistungen (Artikel) erhalten, das kommt auf das Gleiche hinaus, letztlich profitieren die privaten Verleger auch davon, wenn man ihnen Artikel schenkt.»
    Das war nicht mein Punkt! Mein Punkt ist, dass das Wohlgedeihen der Demokratie nicht mehr vom Wohlergehen der Presseverlage abhängig gemacht wird.

    «Und das Gratis-Angebot im Internet bedroht die Finanzierung, deshalb muss man das Gratisangebot eliminieren.»
    Die Finanzierung des Journalismus würde über Gebühren/Steuern sichergestellt! Das Gratisangebot würde bloss Dinge konkurrenzieren, die gar nicht nötig sind.

  92. «propublica.org und swissinfo.ch werden auch gelesen»: Du kannst doch nicht die US-Verhältnisse mit der Schweiz vergleichen. In den USA gibt es in gewissen Regionen gar keine seriösen Zeitungen mehr, logischerweise haben Internetseiten dann grösseren Zulauf. Aber in der Schweiz haben Internetseiten viel weniger Leser als Zeitungen. Deshalb werden relevante News in den Zeitungen gelesen – oder sie werden nicht gelesen.

    «Mindestens etwas von beidem stimmt nicht»: Nein. Beides stimmt:
    - Wer eine interessante Information verbreiten will, kommt um die Zeitungen nicht herum, weil sie trotz sinkender Auflage immer noch das grösste Publikum haben.
    - Andererseits schrumpft die Auflage der Zeitungen, weil das Gratisangebot viele Leute glauben macht, sie könnten in der gleichen Qualität gratis via Internet informiert werden, was nicht stimmt.
    Beide Aussagen widersprechen sich nicht im Geringsten.

    «Letztlich profitieren die privaten Verleger auch davon, wenn man ihnen Artikel schenkt – das war nicht mein Punkt»: Doch, es WAR dein Punkt. Muss ich nochmals deinen Originalton hervorkramen? Bitte sehr: «Mir ist nicht die Fiktion einer freien Marktwirtschaft wichtiger, sondern, dass die Mittel der Allgemeinheit auch im Sinne der Allgemeinheit eingesetzt werden und nicht einfach die Gewinne von ein paar Verlagsbesitzern erhöhen. Wer Gewinn machen will, soll dies im freien Markt tun.»

    «Mein Punkt ist, dass das Wohlgedeihen der Demokratie nicht mehr vom Wohlergehen der Presseverlage abhängig gemacht wird»: Warum nicht? Was ist so schlimm daran, wenn es den Presseverlagen wohl ergeht? Alle anderen Branchen wollen Geld verdienen, nur den Presseverlagen wirfst du das vor. Wie wenn es unmoralisch wäre, wenn Verlage einen Gewinn erzielen.

    «Das Gratisangebot würde bloss Dinge konkurrenzieren, die gar nicht nötig sind»: Nein, das stimmt eben nicht. Das Gratisangebot bedroht Angebote, die für die Demokratie lebenswichtig sind. Deshalb muss das Gratisangebot weg.

    «Das ist wieder der Moment, wo ich schwer das Gefühl habe, dass du mich gar nicht verstehen, sondern bloss Recht haben willst»: Es ist mir schleierhaft, wie du darauf kommst. Tatsache ist: Ich verstehe dich sehr gut:
    1. Du willst das Gratisangebot beibehalten weil du Geiz geil findest.
    2. du willst die Verlage nicht finanziell unterstützen, weil du aus irgendwelchen schleierhaften Gründen etwas dagegen hast, wenn Verlage profitabel arbeiten.
    3. und ausserdem hast du einige Sachen, die ich geschrieben habe, offenbar falsch verstanden. Ob du mich nicht verstehen willst oder es nicht kannst, lasse ich jetzt mal offen.

  93. @ Alice
    Ich denke auch, dass sich viele Künstler/Literaten quersubventionieren – und trotzdem versuchen, so scheint mir, wenige, diesen Zustand durch die mittel- und langfristigen Wirkungen der viel geschmähten “Gratiskultur” zu ändern. Der Schriftsteller (und Neue Medien Vordenker) Cory Doctorow hat vorgemacht, was da geht, auch wenn das vielleicht nicht der (alleinige) Maßstab sein sollte. Aber es gibt auch hierzulande Autoren wie z.B. Arthur Missa, die ihre – im Übrigen typografisch sehr aufwendig gestalteten – Prosawerke nicht nur drucken lassen, sondern sie auch komplett mit einer CC-Lizenz versehen zum Runterladen ins Netz stellen (und die Leute konkret literarisch zum kopieren, Texte weiterschreiben, Texte verändern usw. auffordern). Ich verlinke hier einfach mal auf seinen Prosa-Band”Formenverfuger/Formenverfüger.”
    http://www.archive.org/details/FormenverfugerFormenverfger.StckeAusProsa

    Leider gibt es da aber noch zu wenige, die das so machen – oder irre ich mich da. (Habe bei einer kurzen Recherche diesbezüglich leider nicht viel mehr gefunden.)

  94. @Johanna: Nun ja, ich sehe einfach nicht ein, warum ich das tun sollte. Warum sollte ich als Autorin etwas gratis geben – wenn ich für alles andere bezahlen muss? Zum Beispiel in der Stadt Zürich für einen einzigen Cappuccino ungefähr einen Drittel des Preises eines Buches von mir. Oder im Ausgang für einen Drink gleich viel Geld wie für mein Buch (womit ich sagen will, dass Bücher sowieso zu billig verkauft werden). Ich kapiere nicht, warum jeder Gewerbetreibende, jeder Angestellte, jeder Selbständige für seine Arbeit bezahlt werden soll, ich als Autorin aber nicht. Irgendwo klemmt es da einfach.

    Wenn ein Autor wie Missa das freiwillig tut: Wohlan, das ist sein Entscheid und irgendwas wird er sich dabei gedacht haben. Wenn ich das jedoch nicht freiwillig tun möchte, dann möchte ich, dass dieser Wunsch von mir respektiert wird – und man meine Bücher kauft und nicht irgendwo gratis runterlädt. Oder sich dann halt die Freiheit nimmt, sie NICHT zu kaufen.

    Gegenfrage: Würdest du ab morgen auf dein Salär verzichten, freiwillig? Und falls ja, womit bezahlst du dann deinen Lebensunterhalt?

    Komme mir jetzt keiner mit “Schreiben ist eh ein wunderbares Hobby; sei froh, wenn überhaupt jemand deine Bücher veröffentlicht.” Und ganz ehrlich, auf das bedingungslose Grundeinkommen will ich weder angewiesen sein noch darauf warten. Denn: Ich habe so den leisen Verdacht, dass man dann unter dem Deckmantel des Grundeinkommens meine Bücher sowieso gratis haben möchte, denn die Autorin “wäre dann ja sowieso versorgt.”

  95. @Alice: Würdest du dieses Geistiges-Eigentum-Paradigma konsequent vertreten, müsstest du eine Gegnerin jeglicher Bibliotheken sein. Denn dort «klemmt» es auch, wenn man es so sieht.

    «Ich kapiere nicht, warum jeder Gewerbetreibende, jeder Angestellte, jeder Selbständige für seine Arbeit bezahlt werden soll, ich als Autorin aber nicht.»
    Es stimmt einfach nicht, dass Gewerbetreibende und Selbstständige ein gesichertes Einkommen haben. Alle brauchen entweder Aufträge oder einen Absatzmarkt, also ein funktionierendes Geschäftsmodell. Geistige Arbeit zu verkaufen ist auch für Architekten, Programmierer, Designer, Politologen, usw. nicht einfach. Würde ich z.B. meine Arbeit vor Kopien schützen wollen, müsste ich sie patentieren lassen, und dann denn Markt nach Patentsverletzungen absuchen. Das lohnt sich nie. Na und? Jeder, der geistige Arbeit macht, muss sich damit abfinden, dass sie kopiert werden kann. Denn es liegt in der Natur der immateriellen Güter.

    Natürlich ist es dein Recht, am traditionellen Geschäftsmodell festzuhalten. Niemand verlangt von dir, auf ein Salär zu verzichten. Aber du hast kein Recht, Privatkopien zu verhindern, und du hast keinen Anspruch auf «Lohn», also auf Funktionieren deines Geschäftsmodells. Ich auch nicht.

  96. «Jeder, der geistige Arbeit macht, muss sich damit abfinden, dass sie kopiert werden kann»: Genau so gut könnte man sagen: Jeder, der Früchte anbaut und/oder verkauft, muss sich damit abfinden, dass sie geklaut werden können, denn das liegt in der Natur der Früchte. Bullshit! Wir müssen uns mit gar nix anfinden. Wir wollen einen Lohn für unsere Arbeit.

    «Aber du hast kein Recht, Privatkopien zu verhindern»: Doch, das haben wir. Du hast kein Recht, uns zu verbieten, den Diebstahl von geistigem Eigentum verhindern zu wollen.

  97. @David

    Okay, falsch formuliert – ich formuliere um:
    Ich kapiere nicht, warum jeder Gewerbetreibende, jeder Angestellte, jeder Selbständige für seine Produkte / Arbeit Geld verlangen darf, ich als Autorin aber nicht. Dass nicht jeder Selbständige von seiner Arbeit leben kann, weiss ich. Ich war 15 Jahre lang selbständig tätig und weiss verdammt gut, wie hart es sein kann, damit ein Einkommen zu erwirtschaften. Trotzdem hat in diesen 15 Jahren kein Mensch gefragt, ob er den Englischunterricht bei mir gratis haben kann – ich denke, weil es schlicht niemandem einfallen würde, eine solche Dienstleistung gratis zu verlangen.

    Aber als Autorin soll ich jetzt das Resultat meiner Arbeit gratis zur Verfügung stellen? Nein danke! Ich habe zwar keinen Anspruch auf einen gesicherten Lohn, aber ich habe Anspruch auf Einnahmen aus meinen Büchern (egal, wie gross oder klein das ist – wenn ich wenig verkaufe, ziemlich klein, aber das weiss man als Autor, wenn man mit dem Schreiben beginnt). Und ganz ehrlich, wenn es einmal nicht mehr so ist, dann kann ich auch ohne (veröffentlichtes) Schreiben leben. Denn: Bevor ich meine Arbeit kostenlos vertschutte, behalte ich sie bei mir zuhause auf dem PC und suche mir einen Job, bei dem niemand hinterfragt, ob man dafür bezahlt werden sollte oder nicht. Ich gehöre nicht zu der Sorte Für-Gottes-Lohn-und-aus-Freude-an-der-Arbeit-Masochisten-Schreiber. Ich schreibe extrem gerne und werde immer schreiben. Aber nicht für die Gratisabstauber dieser Welt, die sich noch etwas darauf einbilden, alles gratis zu bekommen oder gar denken, es wäre ihr gutes Recht, alles gratis zu haben (die aber an einem einzigen Abend im Ausgang ungefähr den Gegenwert von 3 bis 5 Büchern für Drinks hinlegen – ohne mit der Wimper zu zucken).

    Zu den Bibliotheken: Die BEZAHLEN für meine Bücher. Okay, jedes Mal nur ein Mal pro Buch, und wenn die CH nicht nur Kopierabgaben durch Pro Litteris einziehen würden, sondern auch Bibliotheksabgaben wie VG-Wort in Deutschland, dann kämen wir der Gerechtigkeit noch einen Schritt näher.

    Zu den Privatkopien: File-Sharing via Internet geht weit über “Privatkopien” raus. Und zu den immateriellen Gütern: Wenn meine Bücher gedruckt sind, sind das sehr materielle Güter, bestehend aus Einband und einer bestimmten Anzahl Seiten.

  98. @Alice: «Ich kapiere nicht, warum jeder Gewerbetreibende, jeder Angestellte, jeder Selbständige für seine Produkte / Arbeit Geld verlangen darf, ich als Autorin aber nicht.»
    Du darfst. Ich verlange nichts anderes. Ich verlange bloss, dass du (bzw. der Staat für dich) nicht die gesamte Gesellschaft überwachen kannst, ob jemand mit «deinem» Buch etwas macht, was du nicht willst. Es ist nicht mehr in deinem Kontrollbereich, was im «privaten» Rahmen mit deinem Buch geschieht. Mit diesem Kontrollverlust musst du dich abfinden, wenn du etwas veröffentlichst. Was du für Konsequenzen daraus ziehst für dein Geschäftsmodell, ist alleine dir überlassen.

    OK, «privat» ist ein etwas unklar abgegrenzter Begriff. Für mich gehört File-Sharing, oder auch Bookcrossing, dazu. Es ist informell, von Mensch zu Mensch, ohne Gewinnabsichten. Solches zu verhindern ist nicht möglich ohne eine Komplettüberwachung der Bevölkerung.

    Zu den Bibliotheken: Wenn sie für jede Ausleihe soviel bezahlen müssten, wie das Buch kosten würde, hätten die Bibliotheken keinen Sinn mehr. Der Sinn der Bibliotheken ist, günstigen Zugang zu Büchern zu ermöglichen.

    «Wenn meine Bücher gedruckt sind, sind das sehr materielle Güter, bestehend aus Einband und einer bestimmten Anzahl Seiten.»
    Ja, aber das materielle Gut wird ja nicht «raubkopiert». Durch die Digitaltechnik lassen sich immaterielle Güter eben kaum mehr mit materiellen Gütern verbinden, dass sie untrennbar sind. Immaterielle Güter können von ihren materiellen Trägern losgelöst werden.

  99. “privat” ist tatsächlich Definitionssache.
    Zu den Bibliotheken: Dein Beispiel ist utopisch. Es würde sich um wenige Rappen handeln.

  100. @Alice: Ein paar Rappen würden dir bei Bibliotheken genügen, obwohl du zuvor Kultur zum Dumpingpreis abgelehnt hast? Wieso? Würden dir bei Filesharern ein paar Rappen auch genügen? Wieso nicht?

    Sorry, aber ich verstehe einfach nicht, wie man Bibliotheken toll finden aber im Filesharing eine Gefahr sehen kann. Für mich ist es das Gleiche: freier Zugang zu Kultur.

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