10 Jahre Big Brother Awards – und nun?

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bb_logo_breitGestern wurden zum zehnten Mal die Schweizer Big Brother Awards vergeben. Der Dienst «Überwachung Post- und Fernmeldeverkehr» (ÜPF) für die Echtzeit-Internet-Überwachung in der Kategorie Staat, die Swisscom für die Passwortverwaltung der WLAN-Router in der Kategorie Business, die Berufsbildungsschule Winterthur für ihren Aufruf zum Denunzieren in der Kategorie Arbeitsplatz und die Firma Deltavista für das Geschäften mit persönlichen Daten in der Kategorie Lebenswerk hätten die Schmähpreise entgegennehmen können – wenn ihre Vertreter denn anwesend gewesen wären. Videobeiträge, Samplings und bissige Kommentare machten die Verleihung zu einem unterhaltsamen Abend. Zum Schluss konnte das Publikum noch den einzigen Positivpreis vergeben. Diese Auszeichnung gewann die Studentengewerkschaft der Uni Genf (CUAE) für ihren Einsatz dafür, dass Sans-Papiers an der Uni studieren können, ohne der Fremdenpolizei gemeldet zu werden.

Ein rundum gelungener Anlass also? Eher nicht, finde ich. Die Berichterstattung über den Anlass nimmt ab, und dadurch auch die Wirksamkeit, denn die Preisträger können die Sache einfach ignorieren. Der Anlass muss überdacht werden – hier ein paar Kritikpunkte:

  • Zu linkslastig: «Überwachung kommt meistens von oben – und meistens von rechts», hiess es in einem Video. In einem Jahr, in dem in Zürich eine Zuschauerdatenbank von der SP-Polizeivorsteherin durchgebracht wurde und die Biometrie-Pässe mit kräftiger Unterstützung von rechtsbürgerlichen Kräften beinahe gekippt wurden, frage ich mich, was eine solche Aussage soll. Vielleicht möchten die Verantwortlichen den Kampf gegen Überwachung alleine für sich beanspruchen? Auch der Veranstaltungsort (Rote Fabrik) und das Rahmenprogramm sprachen eine urban-linke Zielgruppe an. Damit positioniert man sich klar links und erscheint für politisch mehr rechts Gesinnte abweisend. Man bleibt unter sich. Damit verspielt man sich aber eine gesamtgesellschaftliche Relevanz.
  • Zu negativ: Schmähpreise haben es an sich, dass negative Beispiele hervorgehoben werden. Jedoch hinterliess der Anlass den Eindruck, dass man da gegen Windmühlen kämpft: Die Welt wird immer schlimmer. Wir führen hier einen aussichtslosen Kampf gegen den Staat, die Technik und die Bürger, die sich aus Angst alles gefallenlassen. Auch die Vergabe des Positivpreises an heroisch kämpfende, aber dann doch mässig erfolgreiche Nominierte änderte nichts daran, dass man die Veranstaltung etwas ratlos verliess. Eine technikfreundlichere Grundeinstellung und wirkliche Erfolgsgeschichten würden dazu animieren, sich selber zu engagieren.
  • Zu unpersönlich: Man kämpft gegen «Big Brother». Aber wieso eigentlich? Die Geschädigten dieser Überwachung waren nicht anwesend. Die Bedrohung blieb diffus und unpersönlich. Man sollte versuchen, konkrete Beispiele aufzuzeigen, welche negativen Folgen Überwachung haben kann.
  • Zu wenig konstruktiv: Die negative Message wurde durch satirische und bisweilen sarkastische Beiträge überspielt. Was auf der Strecke blieb, war eine ernsthafte Auseinandersetzung. Die andere Seite kam nicht zu Wort. Diese ist da sicher mitschuldig. Aber man könnte sich mehr darum bemühen, man könnte im Vorfeld mit Mikrofon und Kamera versuchen, Stellungnahmen der Nominierten hereinzuholen. Und man könnte andiskutieren, wie Lösungen und Kompromisse ausschauen könnten. Statt konstruktive Vorschläge zu machen, kam man nicht über ein «Wir sind dagegen» hinaus.

Ich hätte auch eine Idee, wie man dem Datenschutz auf eine positive, konstruktive Art zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen könnte: Ein Datenschutz-Gütesiegel etablieren, das an Unternehmen vergeben wird, die besonders hohe Datenschutzregeln einhalten – vergleichbar mit dem ZEWO-Gütesiegel für spendensammelnde Organisationen. Das wäre ein positiver, konstruktiver Ansatz.

Autor: David Herzog

Pirat, Humanist, Träumer, Designer, überzeugter Zweifler. Mein Zuhause ist auch hier.

3 Kommentare

  1. Pingback: EJPD und Swisscom gewinnen Big Brother Award « Journalistenschredder

  2. Interessante Anmerkungen. Man müsste auch versuchen, die Datenschutzbeauftragten für sich gewinnen zu können, aber dafür müsste sich die Veranstaltung (in deinem Sinne) ändern. Immerhin hat man grundrechte.ch auf der Seite.

  3. Gesamthaft teile ich diese Analyse. Und auch die Idee mit Gütesiegel finde ich gut. Dieses müsste von einer Organisation vergeben werden (z. B. eidg. Datenschutzbeauftragter), welche auch tatsächlich Einblick vor Ort hat – und nicht bloss via Schriftverkehr. Daran mangelt es aus meiner Sicht im Bereich Datenschutz (ein Gesetz allein bringt noch nicht mehr Datensicherheit).

    Natürlich müsste dieses Gütesiegel auch regelmässig überprüft werden und würde aberkannt, sollte eine Verletzung des Datenschutzes vorliegen.

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